Fragmente einer Biografie
Nur wenige Spuren erzählen heute vom Leben von Recha Storck, genannt Carola, vor der Verfolgung im Nationalsozialismus.
Am 17. Oktober 1872 kam Recha als Tochter von Dr. Siegmund und Eva Liebreich in Wien zur Welt.
Sie lebte spätestens seit 1898 in Berlin, zuerst in der Schlüterstraße 63 und später in der Nürnberger Straße 5 in Charlottenburg. Beide Adressen lagen in vornehmen Wohnvierteln der Zeit, die von repräsentativen Mietshäusern geprägt waren.
Als Beruf ist im Berliner Adressbuch von 1908 „Direktrice“ vermerkt, was eine leitende Position in der Modebranche mit technischer und kreativer Verantwortung bezeichnete.
Im April des gleichen Jahres heiratete Recha Liebreich in Berlin-Charlottenburg den achtzehn Jahre älteren Maler Adolf Eduard Storck. Der gebürtige Bremer zählte zu den Vertretern der Düsseldorfer Schule und schuf vor allem Landschaftsgemälde. Die Ehe blieb kinderlos.

BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 9R
Die Villa Storck
Wenige Tage nach ihrer Hochzeit beauftragten die Eheleute Storck den Neubau einer Villa in der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44 in Berlin-Nikolassee. Bereits ein Jahr später bezogen sie das Haus.
Die Lage und Größe des Hauses deuten darauf hin, dass die Eheleute Storck finanziell gut situiert waren: Im Erdgeschoss befanden sich repräsentative Räume wie Speisezimmer, Wohnzimmer, Salon und Herrenzimmer, im Obergeschoss hatte Adolf Eduard Storck ein Atelier für seine Arbeit als Maler.

Verarmt als Witwe
Im Jahr 1913 verstarb Adolf Eduard Storck. Sein Vermögen ging nach seinem letzten Willen an seine Schwester in Bremen. Für seine Ehefrau Recha Storck verfügte er eine jährliche Rente von 20.000 Mark sowie das lebenslange Wohnrecht in der gemeinsamen Villa.
Doch die Hyperinflation 1923Die Hyperinflation von 1923 war eine extreme Geldentwertung in der Weimarer Republik. vernichtete dieses Erbe – es war in Staatsanleihen angelegt, die über Nacht wertlos wurden. Recha Storck einziges stabiles Einkommen brach plötzlich weg.
Ich war früher finanziell gut gestellt und bin ein Opfer der Geldentwertung.
Recha Storck an das Finanzamt Groß-Lichterfelde,
26. Dezember 1924
Aus gesundheitlichen Gründen war es der damals 51-Jährigen nicht möglich, einer Arbeit nachzugehen.
Nach und nach begann sie, Räume der Villa zu vermieten und ihren Schmuck zu verkaufen. Zudem erhielt sie Unterstützung von Verwandten.
1932 verpfändete Recha Storck ihren verbliebenen Besitz an ihre Nichte in Wien, die ihr in dieser Zeit Geld sendete.
Verfolgung und Deportation
Während der Zeit des Nationalsozialismus verschlechterten sich die Lebensumstände von Recha Storck zudem dramatisch, denn sie wurde als Jüdin verfolgt.
1938 sollte sie die JudenvermögensabgabeNach den Novemberpogromen eingeführte Zwangsabgabe für Jüdinnen*Juden. Sie wurden verpflichtet, die Schäden des gegen sie gerichteten Pogroms zu begleichen. leisten. Da sie kein Vermögen mehr besaß und ihre nichtjüdischen Verwandten dafür hätten aufkommen müssen, erließ das Reichsfinanzministerium ihr die Zwangsabgabe.
Fünf Jahre später, am 10. September 1943, wurde die siebzigjährige Recha Storck zusammen mit 62 weiteren Personen aus Berlin mit dem 96. „AlterstransportAls „Alterstransporte“ bezeichnete die Gestapo Berlin alle Deportationstransporte in das Ghetto Theresienstadt, unabhängig vom Alter der Deportierten.“ nach TheresienstadtDas sogenannte Altersghetto Theresienstadt wurde in der alten Garnisonsstadt im heutigen Terezin (Tschechien) als größtes Konzentrationslager (KZ) im Protektorat Böhmen und Mähren errichtet. deportiert.

Nach knapp einem halben Jahr im Ghetto TheresienstadtDas sogenannte Altersghetto Theresienstadt wurde in der alten Garnisonsstadt im heutigen Terezin (Tschechien) als größtes Konzentrationslager (KZ) im Protektorat Böhmen und Mähren errichtet. verschleppten die Nationalsozialist*innen Recha Storck weiter „na vychod“ (tschechisch: in den Osten), wie eine Karteikarte belegt. Die roten Buchstaben „DZ“ stehen für das VernichtungslagerAuschwitz ist der Name des größten und bekanntesten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers. AuschwitzAuschwitz ist der Name des größten und bekanntesten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers..
Die Spur von Recha Storck verliert sich nach dem Transport. Vermutlich wurde sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in AuschwitzAuschwitz ist der Name des größten und bekanntesten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers. ermordet.

Beraubt vor der Ermordung
Drei Tage vor ihrer DeportationZwangsweise Verschleppung von Menschen durch staatliche Behörden aus ihrem Wohn- oder Herkunftsort auf ein anderes Staatsgebiet oder in entlegene Regionen. musste Recha Storck im SammellagerOrte, an denen Jüdinnen*Juden vor der Deportation zusammengepfercht wurden. Große Hamburger Straße unter Druck eine VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. ausfüllen. Mit Bleistift machte sie die nötigsten Angaben in dem sechzehnseitigen Vordruck.
Auf der ersten Seite der VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. finden sich kurze Angaben zu ihrer Person und den Wohnverhältnissen: Recha Storck bewohnte zu dem Zeitpunkt vier Zimmer und eine Küche in der Villa in Berlin-Nikolassee.
Als Einrichtungsgegenstände gab sie lediglich „Div. Einzelmöbel“ an und ließ viele Punkte offen. Die Unterschrift am Ende der VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. ist das letzte von Recha Storck persönlich hinterlassene Lebenszeichen.
Mit der Abgabe der VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. bekam Recha Storck noch vor Ort die Verfügung der Geheimen Staatspolizei ausgehändigt, die besagte, dass ihr Vermögen „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen„Verfall“ und „Einziehung“ bezeichnete im Kontext der Reichsfinanzverwaltung die Einbehaltung von beschlagnahmten Gegenständen zugunsten des Staates.“ wurde.
Zur rechtliche Scheinlegitimation für diesen Raub wurden die Einziehungsgesetze herangezogen.
„Div. Einzelmöbel“
Von Wäsche über Hausrat bis zu Kunstwerken
Mit dem Eingang der ausgefüllten VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. begann die Arbeit der Vermögensverwertungsstelle, um alle zurückgebliebenen Besitztümer von Recha Storck schnellstmöglich zu Geld zu machen.
Die VermögenserklärungenFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. dienten den Mitarbeitenden der Behörde dabei generell als erster Überblick über den Besitz der Betroffenen. Im Fall von Recha Storck lieferte die allgemeine Angabe „Div. Einzelmöbel“ jedoch keinen genauen Einblick in Art und Umfang ihres zurückgelassenen Besitzes.
Um die Einrichtungsgegenstände zu erfassen und ihren Wert festzulegen, besuchte am 22. Oktober 1943 der Obergerichtsvollzieher Hoffmann im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle die Villa in der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44. Auf dem Formular „Inventar und Bewertung“ dokumentierte er akribisch das letzte Hab und Gut von Recha Storck.
Die erste Seite des Vordrucks „Inventar und Bewertung“. Unter den Positionen 1–17 sind maschinenschriftlich Recha Storcks Besitztümer eingetragen, 22. Oktober 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 22
Den letzten mobilen Besitz von Storck bewertete der Obergerichtsvollzieher Hoffmann mit insgesamt 14.157 RM. Nicht taxiert hat er die Positionen 101 und 143 (je einen „Posten Bücher“) sowie die Position 144 (einen „Blüthner-Flügel“).
Ab der Position 145 ändert sich der Detailgrad des Gutachtens: In der Diele, dem Speisezimmer und dem Keller fanden sich neben Gebrauchsgegenständen auch einige Grafiken, Gemälde und Antiquitäten. Die Schätzung dieser Objekte begleitete zusätzlich Paul Theodor Geyer, der Inhaber der Antiquitätenhandlung Peri-Ming, als Fachmann.


Unter den von den Gutachtern taxierten Kunstwerken befanden sich auch fünf Ölgemälde von Storcks verstorbenem Ehemann Adolf Eduard Storck mit Stadt- und Landschaftsdarstellungen.
Drei Tage später wurden nachträglich neun weitere Positionen begutachtet, die sich in einem an Vera Neumeister untervermieteten Zimmer befanden, darunter ebenfalls ein Gemälde von Adolf Eduard Storck.


Interesse eines „Bombengeschädigten“
Die NS-Finanzverwaltung setzte alles daran, den ehemaligen Besitz von Recha Storck möglichst schnell zu veräußern und die von ihr bewohnten Räume der Villa bezugsfertig zu machen.
Mitte Oktober 1943, knapp einen Monat nach Recha Storcks DeportationZwangsweise Verschleppung von Menschen durch staatliche Behörden aus ihrem Wohn- oder Herkunftsort auf ein anderes Staatsgebiet oder in entlegene Regionen., hatten sich bereits Nachmieter*innen für diesen Wohnbereich gefunden: der Ministerialrat Dr. Walter Conrad und seine Familie.
Das Hauptplanungsamt der Stadt Berlin hatte den Conrads als "Bombengeschädigte" den von Recha Storck bewohnten Teil der Villa als Ersatz für ihren zerstörten Wohnsitz in Berlin-Steglitz zugeteilt. Neben der Nutzung der Räume zeigte Walter Conrad auch Interesse an der Übernahme von Einrichtungsgegenständen.
Lücken in der Dokumentation
Ob Walter Conrad Gegenstände aus dem Besitz von Recha Storck übernahm und worum es sich ggf. handelte, geht aus der Akte der Vermögensverwertungsstelle nicht hervor.
Die Räumung der Wohnung erfolgte laut Meldung des Hauptwirtschaftsamts am 8. November 1943:
Lediglich die Verbuchungsstempel der Vermögensverwertungsstelle auf der Rückseite der Formulare „Inventar und Bewertung“ liefern den Hinweis, dass im April 1944 Erlöse für die Gegenstände bei der Finanzkasse eingingen


Für die Vermögensverwertungsstelle als Finanzbehörde war nicht von Interesse, wer die Objekte letztlich erhielt, ausschlaggebend war allein der verbuchte Erlös.
Weitere Informationen zum Weg der Gegenstände lassen sich erst aus den Akten der Rückerstattungsverfahren entnehmen. Im Kapitel Verantwortung erfährst du mehr dazu.