Story

Recha Storck

Die Direktrice und Witwe eines Künstlers Recha Storck lebte bis zu ihrer Deportation 1943 in einem Villenviertel in Berlin-Nikolassee. Zu ihrem letzten Hab und Gut, das ihr mit der Deportation geraubt wurde, zählten auch Gemälde ihres Ehemannes Adolf Eduard Storck.

Unterschrift von Recha Storck

Recha Storck

Geboren:
17. Oktober 1872 in Wien
Gestorben:
Deportiert nach Auschwitz, festgestellter Todeszeitpunkt 30. April 1944
Letzter Wohnort:
Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44, Berlin

Fragmente einer Biografie

Nur wenige Spuren erzählen heute vom Leben von Recha Storck, genannt Carola, vor der Verfolgung im Nationalsozialismus.

Am 17. Oktober 1872 kam Recha als Tochter von Dr. Siegmund und Eva Liebreich in Wien zur Welt.

Sie lebte spätestens seit 1898 in Berlin, zuerst in der Schlüterstraße 63 und später in der Nürnberger Straße 5 in Charlottenburg. Beide Adressen lagen in vornehmen Wohnvierteln der Zeit, die von repräsentativen Mietshäusern geprägt waren.

Als Beruf ist im Berliner Adressbuch von 1908 „Direktrice“ vermerkt, was eine leitende Position in der Modebranche mit technischer und kreativer Verantwortung bezeichnete.

Im April des gleichen Jahres heiratete Recha Liebreich in Berlin-Charlottenburg den achtzehn Jahre älteren Maler Adolf Eduard Storck. Der gebürtige Bremer zählte zu den Vertretern der Düsseldorfer Schule und schuf vor allem Landschaftsgemälde. Die Ehe blieb kinderlos.

Freigestellte Unterschrift
Die letzte Unterschrift von Recha Storck.
BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 9R
Vorgedruckter Heiratsregistereintrag, handschriftlich ausgefüllt

Heiratsregistereintrag Nr. 273 von Recha Liebreich und Adolf Eduard Storck, 22. April 1908. Landesarchiv Berlin, P Rep. 551, Nr. 51

Die Villa Storck

Wenige Tage nach ihrer Hochzeit beauftragten die Eheleute Storck den Neubau einer Villa in der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44 in Berlin-Nikolassee. Bereits ein Jahr später bezogen sie das Haus.

Die Lage und Größe des Hauses deuten darauf hin, dass die Eheleute Storck finanziell gut situiert waren: Im Erdgeschoss befanden sich repräsentative Räume wie Speisezimmer, Wohnzimmer, Salon und Herrenzimmer, im Obergeschoss hatte Adolf Eduard Storck ein Atelier für seine Arbeit als Maler.

Architekturzeichnung mit mehreren Fassadenansichten eines Gebäudes: Vorderansicht, Seitenansichten und Rückansicht
Zeichnungen zum Neubau eines Landhauses für Herrn Adolf Ed. Storck Villa, 1908. Bauaktenarchiv Steglitz-Zehlendorf, Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44, Band 1

Verarmt als Witwe

Im Jahr 1913 verstarb Adolf Eduard Storck. Sein Vermögen ging nach seinem letzten Willen an seine Schwester in Bremen. Für seine Ehefrau Recha Storck verfügte er eine jährliche Rente von 20.000 Mark sowie das lebenslange Wohnrecht in der gemeinsamen Villa.

Doch die Hyperinflation 1923 vernichtete dieses Erbe – es war in Staatsanleihen angelegt, die über Nacht wertlos wurden. Recha Storck einziges stabiles Einkommen brach plötzlich weg.

Ich war früher finanziell gut gestellt und bin ein Opfer der Geldentwertung.

Recha Storck an das Finanzamt Groß-Lichterfelde,
26. Dezember 1924
Maschinenschriftliches Dokument im Hochformat
Brief von Recha Storck an ihre Nichte Mathilde Scheurembrandt in Wien, 13. Juli 1932. LAB, B Rep. 108 Nr. 5385, Bl. 19

Aus gesundheitlichen Gründen war es der damals 51-Jährigen nicht möglich, einer Arbeit nachzugehen.

Nach und nach begann sie, Räume der Villa zu vermieten und ihren Schmuck zu verkaufen. Zudem erhielt sie Unterstützung von Verwandten.

1932 verpfändete Recha Storck ihren verbliebenen Besitz an ihre Nichte in Wien, die ihr in dieser Zeit Geld sendete.

Verfolgung und Deportation

Während der Zeit des Nationalsozialismus verschlechterten sich die Lebensumstände von Recha Storck zudem dramatisch, denn sie wurde als Jüdin verfolgt.

1938 sollte sie die Judenvermögensabgabe leisten. Da sie kein Vermögen mehr besaß und ihre nichtjüdischen Verwandten dafür hätten aufkommen müssen, erließ das Reichsfinanzministerium ihr die Zwangsabgabe.

Fünf Jahre später, am 10. September 1943, wurde die siebzigjährige Recha Storck zusammen mit 62 weiteren Personen aus Berlin mit dem 96. „Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert.

Tabellarischer Vordruck im Querformat: Transportliste. Hinter laufenden Nummern sind maschinenschriftlich die Namen der Deportierten mit Geburtsdatum, Adresse und Beruf aufgeführt.
Der Name Recha Storck unter der Nummer 55 auf der Liste der Gestapo. Transportlisten: „Alterstransporte“ (I/101) nach Theresienstadt, 63 gelistete Personen, 10. September 1943, Arolsen Archives, DocID: 1272131

Nach knapp einem halben Jahr im Ghetto Theresienstadt verschleppten die Nationalsozialist*innen Recha Storck weiter „na vychod“ (tschechisch: in den Osten), wie eine Karteikarte belegt. Die roten Buchstaben „DZ“ stehen für das Vernichtungslager Auschwitz.

Die Spur von Recha Storck verliert sich nach dem Transport. Vermutlich wurde sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.

Vorgedruckte Karteikarte mit handschriftlichen Eintragungen und Stempeln
Nachträglich ausgestellte Transportkarte nach Auschwitz, 15. Mai 1944. Arolsen Archives, Ghetto Theresienstadt-Kartei, DocID: 5100524

Beraubt vor der Ermordung

Drei Tage vor ihrer Deportation musste Recha Storck im Sammellager Große Hamburger Straße unter Druck eine Vermögenserklärung ausfüllen. Mit Bleistift machte sie die nötigsten Angaben in dem sechzehnseitigen Vordruck.

Auf der ersten Seite der Vermögenserklärung finden sich kurze Angaben zu ihrer Person und den Wohnverhältnissen: Recha Storck bewohnte zu dem Zeitpunkt vier Zimmer und eine Küche in der Villa in Berlin-Nikolassee.

Als Einrichtungsgegenstände gab sie lediglich „Div. Einzelmöbel“ an und ließ viele Punkte offen. Die Unterschrift am Ende der Vermögenserklärung ist das letzte von Recha Storck persönlich hinterlassene Lebenszeichen.

Mit der Abgabe der Vermögenserklärung bekam Recha Storck noch vor Ort die Verfügung der Geheimen Staatspolizei ausgehändigt, die besagte, dass ihr Vermögen „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“ wurde.

Zur rechtliche Scheinlegitimation für diesen Raub wurden die Einziehungsgesetze herangezogen.

  • Vordruck Vermögenserklärung, sporadisch mit Bleistift ausgefüllt
    Erste Seite der Vermögenserklärung von Recha Storck, 7. September 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 2
  • Vordruck Vermögenserklärung, auf dem diverse mobile Gegenstände aufgezählt sind, für die der Wert anzugeben ist. Es ist jedoch fast nichts ausgefüllt, die vorgedruckten Worte vielmehr mit Bleistift durchgestrichen, bis auf die kurze Angabe „Div. Einzelmöbel“.
    Vermögenserklärung von Storck, Eintrag „Div. Einzelmöbel“, 7. September 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 5v
  • Vordruck Vermögenserklärung, letzte Seite, unterschrieben und mit Ort und Datum versehen
    Letzte Seite der Vermögenserklärung mit Recha Storcks Unterschrift, 7. September 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 9v

    „Div. Einzelmöbel“

    Von Wäsche über Hausrat bis zu Kunstwerken

    Mit dem Eingang der ausgefüllten Vermögenserklärung begann die Arbeit der Vermögensverwertungsstelle, um alle zurückgebliebenen Besitztümer von Recha Storck schnellstmöglich zu Geld zu machen.

    Die Vermögenserklärungen dienten den Mitarbeitenden der Behörde dabei generell als erster Überblick über den Besitz der Betroffenen. Im Fall von Recha Storck lieferte die allgemeine Angabe „Div. Einzelmöbel“ jedoch keinen genauen Einblick in Art und Umfang ihres zurückgelassenen Besitzes.

    Um die Einrichtungsgegenstände zu erfassen und ihren Wert festzulegen, besuchte am 22. Oktober 1943 der Obergerichtsvollzieher Hoffmann im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle die Villa in der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44. Auf dem Formular „Inventar und Bewertung“ dokumentierte er akribisch das letzte Hab und Gut von Recha Storck.

    Vordruck Inventarliste, maschinenschriftlich ausgefüllt

    Die erste Seite des Vordrucks „Inventar und Bewertung“. Unter den Positionen 1–17 sind maschinenschriftlich Recha Storcks Besitztümer eingetragen, 22. Oktober 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 22

    Den letzten mobilen Besitz von Storck bewertete der Obergerichtsvollzieher Hoffmann mit insgesamt 14.157 RM. Nicht taxiert hat er die Positionen 101 und 143 (je einen „Posten Bücher“) sowie die Position 144 (einen „Blüthner-Flügel“).

    Ab der Position 145 ändert sich der Detailgrad des Gutachtens: In der Diele, dem Speisezimmer und dem Keller fanden sich neben Gebrauchsgegenständen auch einige Grafiken, Gemälde und Antiquitäten. Die Schätzung dieser Objekte begleitete zusätzlich Paul Theodor Geyer, der Inhaber der Antiquitätenhandlung Peri-Ming, als Fachmann.

    Ausschnitt aus einem Papierdokument, Maschinenschrift
    Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit einem Gemälde von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 29
    Ausschnitt aus einem Papierdokument, Maschinenschrift.
    Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit einem Gemälde von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 30v

    Unter den von den Gutachtern taxierten Kunstwerken befanden sich auch fünf Ölgemälde von Storcks verstorbenem Ehemann Adolf Eduard Storck mit Stadt- und Landschaftsdarstellungen.

    Drei Tage später wurden nachträglich neun weitere Positionen begutachtet, die sich in einem an Vera Neumeister untervermieteten Zimmer befanden, darunter ebenfalls ein Gemälde von Adolf Eduard Storck.

    Ausschnitt von einem Papierdokument, Maschinenschrift.
    Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit drei Gemälden von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 31
    Ausschnitt von einem Papierdokument, Maschinenschrift.
    Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit einem Gemälde von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 32

    Interesse eines „Bombengeschädigten“

    Die NS-Finanzverwaltung setzte alles daran, den ehemaligen Besitz von Recha Storck möglichst schnell zu veräußern und die von ihr bewohnten Räume der Villa bezugsfertig zu machen.

    Mitte Oktober 1943, knapp einen Monat nach Recha Storcks Deportation, hatten sich bereits Nachmieter*innen für diesen Wohnbereich gefunden: der Ministerialrat Dr. Walter Conrad und seine Familie.

    Das Hauptplanungsamt der Stadt Berlin hatte den Conrads als "Bombengeschädigte" den von Recha Storck bewohnten Teil der Villa als Ersatz für ihren zerstörten Wohnsitz in Berlin-Steglitz zugeteilt. Neben der Nutzung der Räume zeigte Walter Conrad auch Interesse an der Übernahme von Einrichtungsgegenständen.

    Maschinenschriftliches Dokument im Querformat
    Schreiben der Vermögensverwertungsstelle an das Hauptwirtschaftsamt der Stadt Berlin, 15. Oktober 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 15

    Lücken in der Dokumentation

    Ob Walter Conrad Gegenstände aus dem Besitz von Recha Storck übernahm und worum es sich ggf. handelte, geht aus der Akte der Vermögensverwertungsstelle nicht hervor.

    Die Räumung der Wohnung erfolgte laut Meldung des Hauptwirtschaftsamts am 8. November 1943:

    Kleines Dokument im Querformat: Vordruck zur Meldung der Räumung, in blauer Farbe handschriftlich ausgefüllt
    Räumungsmeldung Hauptwirtschaftsamt, 8. November 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 20

    Lediglich die Verbuchungsstempel der Vermögensverwertungsstelle auf der Rückseite der Formulare „Inventar und Bewertung“ liefern den Hinweis, dass im April 1944 Erlöse für die Gegenstände bei der Finanzkasse eingingen

    Ausschnitt aus einem Dokument: In einen blauen Stempel sind mit Bleistift der Erlös und das Eingangsdatum der Buchung eingetragen.
    Stempel über den Zahlungseingang, 26. April 1944. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 32v
    Ausschnitt aus einem Dokument: In einen blauen Stempel sind mit Bleistift der Erlös und das Eingangsdatum der Buchung eingetragen.
    Stempel über den Zahlungseingang, 26. April 1944. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 31v

    Für die Vermögensverwertungsstelle als Finanzbehörde war nicht von Interesse, wer die Objekte letztlich erhielt, ausschlaggebend war allein der verbuchte Erlös.

    Weitere Informationen zum Weg der Gegenstände lassen sich erst aus den Akten der Rückerstattungsverfahren entnehmen. Im Kapitel Verantwortung erfährst du mehr dazu.