Story

Paul Jakob Eisner

1941 wurden Gegenstände von Paul Jakob Eisner zu den Versteigerungsräumen des Finanzamts Moabit-West am Kottbusser Ufer 39/40 gebracht, die zuvor bei der Speditionsfirma Gustav Knauer eingelagert gewesen waren. Zu diesem Zeitpunkt waren Eisner und seine Familie schon vor den Nationalsozialist*innen geflohen. Was war bis dahin geschehen? Und wie fanden zwei Gemälde aus Eisners Besitz Eingang in den „Sonderauftrag Linz“?

Paul Jakob Eisner

Geboren:
30. Juni 1886 in Berlin
Gestorben:
29. Juli 1965 in Kreuzlingen, Schweiz
Letzter Wohnort:
Große Querallee 2, Berlin
Schwarzweißfotografie eines Mannes in Anzug und Krawatte auf einer Veranda. Er sitzt in legerer Haltung auf einem Stuhl und blickt in die Kamera. Hinter dem Mann sieht man Bäume und einen Tisch mit Besteck darauf.
Porträt von Paul Jakob Eisner, ca. 1925. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/69, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky
Nachkolorierte Fotografie von zwei Kindern in weißer Kleidung. Das Kind links ist älter als das Kind rechts. Beide schauen an der Kamera vorbei.
Paul und Rudolf Eisner, ca. 1889. Privatbesitz

Die Familie Eisner

Paul Jakob Eisner war der Sohn des Kommerzienrats Heinrich Eisner, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Miteigentümer der Albert-Hahn-Röhrenwalzwerke (Hahnsche Werke), und Olga Eisner geb. Tarlau.

Schwarzweißfotografie von zwei Menschen in eleganter Kleidung in einem Innenraum. Eine Frau sitzt und ein Mann steht daneben, beide blicken in die Kamera. Im Hintergrund ist verschwommen eine Inneneinrichtung zu sehen.
Porträt Heinrich Eisner mit seiner Frau Olga zur Silbernen Hochzeit, Atelier H. Kindler, Berlin, 1910. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/65, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky

Heinrich und Olga Eisner waren mit ihren Kindern im Tiergartenviertel ansässig und gehörten zu einer in der damaligen Zeit als kunstaffin bekannten Nachbarschaft. Dort wohnten beispielsweise auch das Schriftstellerehepaar Julie und Julius Elias, der Kunstsammler Oscar Huldschinsky und der Kunsthändler Paul Cassirer. Die Eisners lebten im Laufe der Zeit an verschiedenen Adressen im Viertel, so zum Beispiel in der Matthäikirchstraße. Bis zum Tod Olga Eisners im Jahre 1910 bewohnte die Familie eine großzügige Wohnung in der Bellevuestraße 14. Die Wohnung war mit wertvollem Mobiliar, Kunstobjekten und Teppichen eingerichtet. Beide Söhne der Eisners, Paul Jakob und Rudolf, stiegen in das Unternehmen der Hahnschen Werke ein. Paul Jakob Eisner arbeitete als Vorstandsmitglied und Generaldirektor der Hahnschen Werke Aktiengesellschaft. 1922 heiratete er Louise Odescalchi.

Aus der Luft aufgenommene Schwarzweißfotografie. Zentral zu sehen ist eine Straßenkreuzung mit Bäumen, auf der sehr viele Menschen und Autos unterwegs sind. Von dieser Kreuzung gehen sieben Straßen ab.
Luftaufnahme: Potsdamer Platz mit Potsdamer Straße und Bellevuestraße, Sommer 1919. Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin © HANSA Luftbild AG
Schwarzweißfotografie eines hochwertig ausgestatteten Salons. An der Wand hängen Gemälde mit goldenen Rahmen. Am linken Bildrand ist eine geöffnete Tür zu sehen, durch die man in den angrenzenden Raum sehen kann.
Salon der Wohnung in der Bellevuestraße 14, Berlin, ca. 1910. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/71, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky
Schwarzweißfotografie mit Blick durch eine geöffnete Flügeltür in ein Esszimmer. Durch die Tür schaut man auf einen Esstisch. An der Wand dahinter ist ein großer Wandteppich zu sehen.
Esszimmer und Wohnzimmer in der Bellevuestraße 14, Berlin, ca. 1910. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/73, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky
Vorderseite einer alten Postkarte mit drei Schwarzweißfotografien. Die zwei Abbildungen auf der linken Bildseite sind Nahaufnahme eines von Bäumen umgebenen Hauses. Das dritte Bild auf der rechten Bildseite zeigt einen See mit Bäumen. Darunter ist zu lesen: Alt-Stahnsdorf bei Kummersdorf, Kr. Storckow i. Mark. Neben dem Bild ist handschriftlich etwas geschrieben.
Rittergut Alt-Stahnsdorf auf einer Postkarte an Hilde Eisner in Bad Reichenhall, Alt-Stahnsdorf, 4. August 1921; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/589, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA
Schwarzweißfotografie eines Innenraums. In der Mitte des Bildes befindet sich eine geöffnete Tür, die den Blick in ein weiteres Zimmer freigibt. Dieses ist nur verschwommen zu erkennen. Die Wand des vorderen Raumes ist bemalt. Die Malerei zeigt einen See oder Teich, über dem Vögel fliegen.
Fresken von Emil Pottner im Gartenzimmer im Rittergut Alt-Stahnsdorf, ca. 1928 – 1929. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/114, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky

Die Eisners waren Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Berlin und veranstalteten regelmäßig auch Empfänge auf ihrem Rittergut Alt-Stahnsdorf, das ihnen seit 1906 gehörte. Den regelmäßigen Besuch von Bekannten und Freund*innen dort belegen zahlreiche Einträge in einem Gästebuch, wie etwa der des Malers Emil Pottner. Dieser gestaltete auch die Wände eines Raumes des Anwesens. Nach dem Tod Heinrich Eisners im Jahr 1918 übernahm seine Tochter Berta das Rittergut.

Vorderansicht eines Gästebuchs. Darauf steht in goldener Schrift: Alt-Stahnsdorf, 1906. Das Gästebuch ist dunkelgrün und hat Verzierungen mit Blumen und Schleifen.
Vorderansicht des Gästebuchs von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA
Die Abbildung gibt die erste Seite eines Gästebuchs wieder, auf der etwas in Handschrift geschrieben ist. Um den Text herum findet sich eine Buntstiftzeichnung, die rechts verschiedenfarbige Hühner, links Enten zeigt. Über dem Text ist ein weißes Haus gezeichnet, das von Bäumen und Sträuchern umgeben ist.

Erste Seite des Gästebuchs von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA

Handschriftliche Eintragung in einem Gästebuch

Eintrag Emil Pottners aus dem Jahr 1929 in das Gästebuch von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA

Nicht weit von seinem Elternhaus entfernt wohnte Paul Jakob Eisner mit seiner Frau ab 1927 in der Großen Querallee 2. Dies war sein letzter Wohnsitz in Berlin. Die Neunzimmerwohnung lag im Erdgeschoss und war großzügig eingerichtet.

Schwarzweißfotografie eines Wohnhauses mit vier Stockwerken, dessen Fassade mit verschiedenen Elementen aufwendig gestaltet ist. Vor dem Haus ist ein Metallzaun zu sehen.
Wohnhäuser in der Großen Querallee des Tiergartens 1 u. 2. Berlin und seine Bauten, Ausgabe 1896, 2/3 Der Hochbau, S. 227
Bauzeichnung des Erdgeschosses mit neun Zimmern
Ausschnitt aus einer Bauzeichnung des Hauses Große Querallee 2 von 1886, hier das Erdgeschoss. Landesarchiv Berlin, B Rep. 202 Nr. 5105A

Jedes Möbel war ein Museumsstück! […] Die Zimmer waren zum Teil mit kostbaren Seidenstoffen bespannt. […] Das Badezimmer war ringsherum mit Spiegeln verkleidet. Kostbare Originale (Porträts und Gemälde) verschönerten die Räume. Die Zimmer waren durchweg mit schwerem Velours ausgelegt und darauf lagen die wertvollsten echten Teppiche. Einer davon ein Geschenk vom Internationalen Röhrenverband. […]

Eidesstattliche Versicherung von Caroline Langkammerer vom 28. Februar 1963. Sie war die Haushalts- und Kinderbetreuungshilfe für Heinrich und Olga Eisner. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08 Nr. 1954/51, Bl. 166

Verfolgung und Wirren der Flucht

Das Leben der Eisners änderte sich schlagartig, als die Nationalsozialist*innen 1933 an die Macht kamen – Paul Jakob Eisner sowie seine Geschwister wurden nun als jüdisch verfolgt.

1937 floh Paul Jakob Eisner nach Prag und von dort nach Wien. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland kehrte er nach Prag zurück. Im gleichen Jahr eignete sich der Mannesmann-Konzern im Zuge der „Arisierung“ das Unternehmen der Hahnschen Werke an. Dadurch wurden die Eisners aus dem Unternehmen getrieben. Zudem ließ sich Louise von Paul Jakob scheiden, wobei antisemitische und diskriminierende Motive eine Rolle spielten. Während sich Eisner geschäftlich in Paris aufhielt, wurde die Tschechoslowakei annektiert, sodass er nicht nach Prag zurückkehren konnte. In dieser Zwangslage entschied sich Eisner für eine Flucht nach Argentinien.

Auch Paul Jakob Eisners Geschwister mussten fliehen. Sein Bruder Rudolf Eisner emigrierte 1938 mit seiner Familie nach England, seine Schwester Berta Sabersky in die USA. Das Rittergut in Alt-Stahnsdorf musste das Ehepaar Sabersky schon im Jahr 1936 unter Zwang verkaufen.

„Verwertung“ von Umzugsgut

Die noch in Berlin befindlichen Einrichtungsgegenstände und persönlichen Dinge Paul Jakob Eisners wurden durch seine Sekretärin als Umzugsgut bei der Speditionsfirma Gustav Knauer in Berlin eingelagert. Im Dezember 1939 beschlagnahmte es dort die Gestapo Berlin und informierte das Finanzamt Moabit-West.

Am 26. Juni 1940 wurde im Deutschen Reichsanzeiger bekanntgegeben, dass Paul Jakob Eisner seine deutsche Staatsangehörigkeit aufgrund der Gesetze zur Aberkennung der Staatsangehörigkeit verlor. Das Finanzamt Moabit-West begann daraufhin mit der vollumfänglichen „Verwertung“ des beschlagnahmten Vermögens. Am 4. März 1941 wurde das bei der Speditionsfirma Gustav Knauer gelagerte Umzugsgut zu den Versteigerungsräumen des Finanzamts Moabit-West am Kottbusser Ufer 39/40 gebracht. Dort nahm der Sachverständige Ludwig Schmidt-Bangel die Schätzung vor, bevor der Obersteuersekretär Paul Korge die Objekte versteigerte. Diese Versteigerung fand am 2. April 1941 statt. Sie umfasste 354 Positionen, darunter auch Kunstobjekte. Für jede Position fand sich ein*e Käufer*in.

  • Vorgedruckter Lagerschein, maschinenschriftlich ausgefüllt, mit Stempeln und handschriftlichen Notizen

    Gustav Knauer Lagerschein ab April 1939. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 22

  • Maschinenschriftliches Dokument, das verschiedene Dinge auflistet wie Bankkonten, Einrichtungsgegenstände oder Firmenbeteiligungen

    Schreiben der Gestapo, 8. Dezember 1939. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 2

  • Maschinenschriftliches Dokument, das verschiedene Dinge auflistet wie Bankkonten, Einrichtungsgegenstände oder Firmenbeteiligungen

    Schreiben der Gestapo, 8. Dezember 1939. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 2v

  • Vorgedrucktes Formular, maschinenschriftlich ausgefüllt, mit einer handschriftlichen Notiz

    Ausbürgerungs-Bekanntmachung, 26. Juni 1940. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 16

  • Formular, handschriftlich ausgefüllt und mit verschiedenen Briefmarken beklebt; zudem sind Zeitungsausschnitte auf das Blatt geklebt worden

    Erste Seite der Versteigerungsniederschrift von Obersteuersekretär Paul Korge, Kottbusser Ufer 39/40, 2. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 75

    Kunstwerke für Versteigerung bei Hans W. Lange

    Wie in den zuvor gefertigten Schätzungsgutachten üblich, unterschrieb Schmidt-Bangel die formale Feststellung, „dass hochwertiges Kulturgut sowie wertvolle Kunstschätze nicht enthalten sind“. Hier aber ergänzte er mit einer handschriftlichen Notiz:

    Vorgedrucktes Formular, handschriftlich ausgefüllt und mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt

    Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 25. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 71

    Vorgedrucktes Formular, maschinenschriftlich ausgefüllt, mit handschriftlichen Ergänzungen

    Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 26. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 64

    • Versteigerungsniederschrift: maschinenschriftliche Liste von Objekten mit kleinen Hinweisen, handschriftlich notierte Namen der Käufer*innen
      Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Obersteuersekretär Paul Korge mit der Notiz, dass Objekte an Hans W. Lange übergeben wurden, Kottbusser Ufer 39/40, 2. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 53
    • Versteigerungsniederschrift: maschinenschriftliche Liste von Objekten mit kleinen Hinweisen, handschriftlich notierte Namen der Käufer*innen
      Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Obersteuersekretär Paul Korge, Kottbusser Ufer 39/40, 2. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 53v

      Schmidt-Bangel fertigte ein Sondergutachten für vier Gemälde von Hans Thoma, Oswald Achenbach, José Gallegos und Ludwig Adam Kunz an, deren Wert er auf insgesamt 37.500 RM schätzte.

      Seine Entscheidung, die Gemälde als „hochwertiges Kulturgut“ einzuordnen, führte dazu, dass sie von der allgemeinen Versteigerung am Kottbusser Ufer ausgenommen wurden.

      Die ausgenommenen Gemälde sowie hochwertige Möbel und ein Teppich waren zuvor, am 26. März 1941, durch die Speditionsfirma Fritz Roth vom Kottbusser Ufer in die Versteigerungsräume von Hans W. Lange transportiert worden. Lange schätzte die Objekte erneut.

      • Maschinenschriftliche Auflistung von Objekten, unterschrieben und mit einem Stempel versehen
        Liste von Objekten, die an Hans W. Lange übergeben wurden, 26. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 694, Bl. 42
      • Auflistung von Objekten. Rechts in einer Spalte stehen jeweils Preise, bei denen es sich um die Schätzpreise handelt.
        Schätzung von Hans W. Lange, 26. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 694, Bl. 41

        Aufgrund eines Wertgutachtens waren also einige Gegenstände aus Paul Jakob Eisners Umzugsgut nicht in der allgemeinen Versteigerung gelandet, darunter vier Gemälde. Nur drei der vier Bilder kamen aber am 19. Mai 1941 im Auktionshaus Hans W. Lange unter den Hammer. Dies belegen sowohl eine von Hans W. Lange an das Finanzamt Moabit-West gesandte Auktionsabrechnung als auch der Auktionskatalog. Bei dem Abgleich dieser beiden Quellen fällt jedoch auf, dass auf der Abrechnung von Hans W. Lange vom 20. Mai 1941 wiederum eine der Losnummern fehlt.

        Abbildung einer Seite aus einem Auktionskatalog, auf der fünf Positionen aufgelistet sind
        Auszug aus dem Auktionskatalog von Hans W. Lange mit der Position 44. Aus: Hans W. Lange (Hg.): Gemälde alter und neuerer Meister: aus verschiedenem Besitz; Versteigerung am 19. Mai 1941 – Berlin, 1941, S. 16
        Dokument mit einer Abrechnung, bei der verschiedene Positionen und dahinter jeweils der Erlös notiert sind
        Auktionsabrechnung Hans W. Lange, 20. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 103

        „Gefilde der Seligen“ für die Reichskanzlei

        Auf der Rechnung fehlt die Losnummer 44, nämlich das Gemälde „Gefilde der Seligen“ von Hans Thoma. Die Akte, die beim Finanzamt Moabit-West zu Paul Jakob Eisner geführt wurde, gibt Aufschluss über den weiteren Verbleib des Bildes.

        Frontcover einer Zeitschrift: oben in Großbuchstaben das Wort „JUGEND“, darunter die farbige Abbildung eines Gemäldes mit Figuren an einem See mit einem Boot darauf, im Hintergrund Bäume
        Das Gemälde „Gefilde der Seligen“ von Hans Thoma auf dem Titelblatt der Zeitschrift Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben – 39.1934
        • Maschinenschriftliches Dokument mit handschriftlichen Ergänzungen
          Vermerk mit Verfügung für eine Antwort an die Reichskanzlei Berlin persönliche Adjutantur des Führers, 27. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 114
        • Vorgedrucktes Formular, handschriftlich ausgefüllt
          Einzahlungsbeleg über 30.000 RM Delbrück Schickler & Co, 13. Juni 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 162

          Das Gemälde wurde nicht durch Hans W. Lange versteigert, sondern weckte das Interesse der Reichskanzlei in Berlin. Dies vermerkte ein Mitarbeiter des Finanzamtes Moabit-West in einer Notiz. Darin heißt es: „Hans Lange teilt mit, daß die Adjutantur des Führers das Bild von Thoma zu erwerben wünscht u. bereits ausgehändigt erhalten hat.“ Wie man in der Reichskanzlei auf das Bild aufmerksam geworden war, dazu liegen keine historischen Quellen vor – nicht jedes Gespräch ist dokumentiert. Was wir wissen: Die Behörde teilte der Reichskanzlei am 27. Mai 1941 mit, dass das Bild von Thoma „Gefilde der Seeligen“ [sic] für 30.000 RM an diese überlassen werden würde. Die Einzahlung bei der Finanzkasse erfolgte am 13. Juni 1941 durch die Bank Delbrück Schickler & Co für die Reichskanzlei.

          Thomas Gemälde taucht im weiteren Verlauf im Zusammenhang des „Sonderauftrag Linz“ auf. Zwar ist es nicht offiziell im „Dresdner Katalog“ registriert, in dem die für das geplante Museum in Linz erworbenen Werke zusammengestellt wurden. Doch die entsprechenden Rechnungsunterlagen sind noch vorhanden.

          Nach dem Krieg nahm die Treuhandverwaltung von Kulturgut beim Auswärtigen Amt (TVK) Thomas Werk auf eine alphabetisch geordnete Liste, den sogenannten Anhang zum „Dresdner Katalog“, mit auf. Die Rechnungsdokumente hatten hierfür die Grundlage geliefert.

          Das Kunstwerk selbst konnte nach dem Krieg nicht gefunden werden. Es gilt bis heute als verschollen.

          Blatt mit Maschinenschrift, versehen mit handschriftlichen Notizen
          Inventar „Sonderauftrag Linz“, Anhang zum „Dresdner Katalog“, Eintrag zu Thomas Bild „Gefilde der Seligen“. BArch B 323/52, Bl. 430
          Fotografie eines Hochzeitspaares. Hinter den beiden hängt an der Wand ein großes Gemälde mit Goldrahmen.
          Hochzeitsfotografie von Berta und Fritz Sabersky in der Wohnung Bellevuestraße 14, Atelier Hänse Herrmann, Berlin, 2. Dezember 1913. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/98-99, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky

          Exkurs: Fotografien als wichtiger Nachweis für die Provenienz

          Fotografien aus dem Jahr 1913 zeigen die Schwester von Paul Jakob Eisner, Berta Sabersky geb. Eisner, als Braut mit ihrem Bräutigam Fritz Sabersky in der elterlichen Wohnung der Eisners in der Bellevuestraße 14 – und im Hintergrund an der Wand Hans Thomas Gemälde „Gefilde der Seligen“. Das Hochzeitsfoto vermittelt einen Eindruck von dem außerordentlich großen Format des Bildes. Paul Jakob Eisner erbte es vermutlich von seinen Eltern Heinrich und Olga Eisner.

          Solche Fotografien, auf denen man Kunst- oder Kulturgut klar identifizieren kann, sind ein Glücksfall für die Provenienzforschung.

          Der Weg eines Gemäldes (Ludwig Adam Kunz – „Großes Stilleben“)

          Noch ein weiteres Gemälde aus dem Besitz Paul Jakob Eisners gelangte in den Bestand des „Sonderauftrag Linz“, wenn auch über einen anderen Weg. Das Stillleben von Ludwig Adam Kunz wurde am 19. Mai 1941 bei Hans W. Lange versteigert. Der Auktionskatalog enthält eine relativ ausführliche Beschreibung des Bildes: „Großes Stilleben mit Früchten, Kupferschüsseln, einem toten Pfau, Langusten und erlegtem Reiher. Holz. H. 106 cm, Breite 167 cm.“ Das Werk erzielte 1.100 RM, die Hans W. Lange zusammen mit dem Rest des Versteigerungserlöses in die Finanzkasse einzahlte. Wer das Bild erworben hat, geht aus den vorhandenen Unterlagen Hans W. Langes nicht hervor.

          Wie kam es also in den Bestand des „Sonderauftrag Linz“?

          Weiteres zur Geschichte des Bildes nach 1945 erfährst du im Kapitel Verantwortung.

          Abbildung einer Seite aus einem Versteigerungskatalog, auf der sechs Positionen aufgelistet sind
          Auszug aus dem Auktionskatalog von Hans W. Lange mit der Position 37. Hans W. Lange (Hg.): Gemälde alter und neuerer Meister: aus verschiedenem Besitz; Versteigerung am 19. Mai 1941 – Berlin, 1941, S. 15