Story

Oskar Skaller

Der Berliner Unternehmer und Kunstsammler Oskar Skaller musste bei seiner Flucht aus Deutschland Umzugsgut zurücklassen. Dazu zählte eine Kiste persischer Keramiken, die die NS-Finanzverwaltung raubte. Welche Rolle spielten die Staatlichen Museen zu Berlin in dem Fall?

Schwarzweißfotografie eines Mannes im Halbprofil nach links

Oskar Skaller

Geboren:
29. Juli 1874 in Ostrowo/Posen (heute Ostrów Wielkopolski, Polen)
Gestorben:
21. Oktober 1944 in Johannesburg, Südafrika
Letzter Wohnort:
Württembergische Straße 36, Berlin
Schwarzweißfotografie eines Mannes im Halbprofil nach links
Porträt von Oskar Skaller, ca. 1931. Robert Volz (Hrsg.): Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. 2, Berlin 1931, S. 1793

Ein erfolgreicher Unternehmer

Oskar Skaller war Apotheker und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem erfolgreichen Berliner Unternehmer im Sanitätswesen.

Seine unternehmerische Laufbahn begann um die Jahrhundertwende mit der Gründung einer Drogerie und Verbandstofffabrik in Berlin, die er 1925 an den Verband der Deutschen Ortskrankenkassen verkaufte. Parallel dazu kaufte er 1917 die M. Pech GmbH mit Sitz in Berlin und Köln, die er in den folgenden Jahren ausbaute. Die Firma stellte verschiedenste Produkte für den Sanitätsbedarf her.

Seit 1925 war Skaller zudem Geschäftsführer der Mariendorfer Gummiwaren-Fabrik G.m.b.H sowie Mitglied in zahlreichen weiteren Vorständen.

Leben zwischen Berlin und Bad Saarow

Zusammen mit seiner Ehefrau Lea Skaller geb. Herbst und den gemeinsamen Töchtern Hanna Judith und Marianne lebte Skaller in Berlin und Bad Saarow.

Von 1919 bis 1933 bewohnten die Skallers eine Wohnung in der Schlüterstraße 45 im Berliner Ortsteil Charlottenburg in unmittelbarer Nähe zum Kurfürstendamm.

Die Räume in der Schlüterstraße ebenso wie die Wohnung in der Württembergischen Straße 36, in die die Familie 1933 zog, spiegelten den wirtschaftlichen Erfolg Skallers durch eine elegante Einrichtung und zahlreiche Kunstwerke wider.

Frontale Farbfotografie eines viergeschossigen weißen Mehrfamilienhauses im neoklassizistischen Stil
Das Haus in der Schlüterstraße 45 im Jahr 2016. Landesdenkmalamt Berlin, Foto: Wolfgang Bittner

Die Wohnungseinrichtung in Berlin, […], war einem Privatmuseum gleichzustellen, in dem antike Möbel von hohem Wert einen würdigen Hintergrund für Kunst- und Sammelgegenstände von internationalem Wert und Ruf bildeten.

Eidesstattliche Versicherung von Dr. Gerald John Zellner, einem Freund der Familie Skaller, 15. August 1957. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08, Nr. 2121/55, Bl. 25
Das Landhaus Skaller in Bad Saarow zierte als Grafik den Briefkopf von Oskar Skaller. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, IV/NL Bode 5156

Neben dem Berliner Wohnsitz besaß Skaller seit 1914 Grundstücke in Bad Saarow, auf denen er nach den Entwürfen des Architekten Rudolf Maté ein Landhaus errichten ließ.

Vom Impressionismus zur persischen Keramik

Oskar Skaller war ein in der Reichshauptstadt bekannter Sammler von Gemälden deutscher Impressionisten.

In seinem Besitz befanden sich unter anderem Arbeiten von Lovis Corinth, Walter Leistikow und Max Liebermann.

Farbfotografie eines Ölgemäldes im Querformat, das eine liegende nackte Frau mit blondem Haar darstellt
Lovis Corinth, Liegender weiblicher Akt, 1915, Öl auf Holz, 58 x 115 cm.
Sammlung Würth, Inv. 20434, Foto: Walter Bayer
Schwarzweißfotografie eines Ölgemäldes, das einen sitzenden Mann im Anzug zeigt. Er blickt den Betrachter direkt an. In der linken Hand hält er eine Zigarre.
Max Liebermann, Porträt Oskar Skaller, 1924.
Matthias Eberle (Hrsg.): Max Liebermann. Werkverzeichnis, Bd. 1, 1995, S. 1107

Oskar Skaller führte sein lebhaftes Interesse für die impressionistische Malerei zum Verständnis für die koloristischen Werte orientalischer Fayencen

Dr. Ernst Kühnel, Mitarbeiter der Islamischen Abteilung der Staatlichen Museen zu Berlin im Vorwort zum Auktionskatalog. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin 13. Dezember 1927
Von oben aufgenommene Schwarzweißfotografie eines weißen, mit Blattranken verzierten Tellers. In der Mitte des Tellers befindet sich ein Stern.
Dieser Teller ist wohl im 18. Jahrhundert im westlichen Teil Turkestans entstanden. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 20
Schwarzweißfotografie eines Hockers aus Stein, der mit einem abstrakten Relief versehen ist
Der ca. 21 cm hohe Hocker stammt aus Mesopotamien, genau Raqqa (heute Syrien). Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 1

Neben Gemälden und Grafiken europäischer Künstler*innen sammelte Skaller schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts Kunstobjekte aus islamisch geprägten Kulturregionen West- und Zentralasiens, darunter Tonarbeiten aus dem Westen Turkestans sowie Keramiken aus Persien und dem heute syrischen Raqqa.

Schwarzweißfotografie einer dunklen Flasche mit dünnem Hals auf einem Ringfuß. Auf dem runden Bauch der Flasche findet sich kufische Schrift als Dekor.
Die Flasche aus dem persischen Kulturraum befand sich in der Sammlung von Oskar Skaller. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, IV/NL Erdmann 99

Aufbau der Sammlung

Oskar Skaller erwarb diese Objekte unter anderem auf dem Kunstmarkt, wie handschriftliche Anmerkungen in Auktionskatalogen der Zeit belegen.

Auf der Versteigerung der Sammlung von Wilhelm Gumprecht bei den Kunsthändlern Paul Cassirer und Hugo Helbing in Berlin 1918 erwarb Skaller beispielsweise insgesamt vier persische Keramiken.

Abbildung einer Seite aus einem Versteigerungskatalog, auf der acht Positionen aufgelistet sind. Die gesamte Seite ist mit Bleistiftanmerkungen versehen, die unter anderem Käufer*innennamen und Kaufpreise der Objekte auflisten.
Die handschriftliche Anmerkung "Skaller" im Katalog belegt den Erwerb aus der Sammlung Gumprecht. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Die Sammlung Wilhelm Gumprecht, Berlin. Berlin, 21. März 1918 [Auktionskatalog], S. 40
Abbildung eines Buchtitelblattes. Zwischen dem Titel oben und Angaben zur Ausstellung unten findet sich in der Mitte in Gelb eine grafische Darstellung einer Person.
Titelblatt des Ausstellungskataloges zur Sammlung Draeger. Ernst Kühnel (Hrsg.): Persische Keramik, Berlin 1921, Titelblatt

In den 1920er Jahren erweiterte Oskar Skaller seine Sammlung um einen umfangreichen Posten persischer Keramiken.

Sie stammten aus dem Besitz von Dr. Richard Draeger, dem 1923 verstorbenen ehemaligen Leiter der deutsch-persischen Höheren Lehranstalt in Teheran.

Die von Draeger über zwölf Jahre in Persien zusammengestellte Sammlung war in Berliner Museumskreisen bereits bekannt und geschätzt. 1921 stellte die Islamische Abteilung die Sammlung Draeger mit über 120 persischen Fayencen im Kaiser-Friedrich-Museum aus.

Es lässt sich nicht ausschließen, dass sowohl die von Richard Draeger zusammengetragenen Kunstgegenstände als auch die weiteren von Oskar Skaller über den Kunstmarkt erworbenen Objekte bereits eine belastete Herkunft aufwiesen – etwa aufgrund von asymmetrischen Verkaufsverhältnissen zwischen lokalen Akteur*innen und erwerbenden Personen oder Institutionen. Einzelne Stücke könnten zudem aus Raubgrabungen stammen.

Beginn der Sammlungsauflösung

Die Sammlung der Kunstobjekte aus islamisch geprägten Kulturregionen, zum Großteil persische Keramiken, sollte Oskar Skaller nur ein paar Jahre in ihrer Gesamtheit behalten.

Bereits Anfang Oktober 1927 informierte Skaller per Brief den Museumsmitarbeiter Ernst Kühnel über die geplante Versteigerung seiner persischen Keramiken und bat um Hilfe bei der Vorbereitung.

Warum Skaller seine Sammlung, die er erst zu Beginn des Jahrzehnts maßgeblich erweitert hatte, nun verkaufen wollte, erwähnte er nicht.

Maschinenschriftlicher Brief mit Oskar Skallers Briefkopf

Brief von Oskar Skaller an Ernst Kühnel, 8. Oktober 1927. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, I/IM 66

  • Abbildung des Titelblattes des Auktionskataloges, auf dem die wichtigsten Informationen zu der Versteigerung in schlichter schwarzer Schrift aufgeführt sind
    Titelblatt des Auktionskatalogs, 13. Dezember 1927. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Titelblatt
  • : Eine Tafel aus dem Auktionskatalog, auf der vier Schwarzweißfotografien drei Fliesen und eine Schüssel zeigen
    Auf insgesamt zwanzig Tafeln sind im hinteren Teil des Kataloges zahlreiche Objekte abgebildet. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg.): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 6
  • Eine Tafel aus dem Auktionskatalog, auf der zwei Schwarzweißfotografien zwei Teller zeigen
    Zu 55 Objekte finden sich im Katalog Abbildungen. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 20
    Auktion im Kunstsalon Paul Cassirer / Hugo Helbing 1927

    Am 13. Dezember 1927 kam die Sammlung von persischen Keramiken in den Versteigerungsräumen des Kunsthändlers Paul Cassirer in Berlin zur Auktion.

    Der Auktionskatalog führt insgesamt 177 Kunstgegenstände auf. Die Beschreibung der einzelnen Objekte und das detaillierte Vorwort verfasste der Museumsfachmann Dr. Ernst Kühnel.

    Einige der Lose fanden von der Versteigerung direkt den Weg in öffentliche Sammlungen in Deutschland und Europa. Zu den Käufer*innen zählten Museen in Lund, Stockholm, Den Haag, München, Bremen und Stettin.

    Auch die Islamische Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin konnte nach der Auktion vier Objekte aus Skallers Besitz als Neuzugänge in ihre Sammlung vermelden.

    Vorab hatte Oskar Skaller einen Betrag von 1.500 RM festgesetzt, für den Ernst Kühnel Objekte „gratis ersteigern“ – also bieten durfte, ohne die Summe zu entrichten –, wie die Korrespondenzen belegen.

    Maschinenschriftlicher Brief mit Oskar Schallers Briefkopf
    Brief von Oskar Skaller an Ernst Kühnel, 9. Dezember 1927. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, I/IM 66
    • : Titelblatt des Auktionskataloges, auf dem in goldener Schrift die Hauptinformationen zu der Versteigerung aufgeführt sind
      „Sammlung S., Berlin“ heißt die Sammlung von Oskar Skaller im Auktionskatalog. Internationales Kunst- und Auktions-Haus (Hrsg): Antiquitäten, Gemälde alter u. neuer Meister. Berlin, 2. Februar 1932 [Auktionskatalog], Titelblatt
    • Eine Tafel aus dem Auktionskatalog, auf der sieben Schwarzweißfotografien verschiedene persische Keramiken zeigen
      Keine der Keramiken, die auf dieser Tafel zu sehen sind, fand auf der Auktion eine*n Käufer*in. Internationales Kunst- und Auktions-Haus (Hrsg): Antiquitäten, Gemälde alter u. neuer Meister. Berlin, 2. Februar 1932 [Auktionskatalog], Tafel 19
      Auktion im Internationalen Kunst- und Auktions-Haus 1932

      Die im Oktober 1927 nicht verkauften Kunstgegenstände lieferte Skaller mit weiterem Kunstbesitz im Februar 1932 bei dem Internationalen Kunst- und Auktions-Haus in Berlin ein.

      Von den eingelieferten Keramiken fanden erneut nicht alle Objekte neue Besitzer*innen und gingen an Skaller zurück.

      Verfolgt und beraubt

      Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialist*innen 1933 änderte sich das Leben der Familie Skaller schlagartig: Als Jüdinnen*Juden waren der erfolgreiche Geschäftsmann und seine Familie der antisemitischen Verfolgungspolitik des NS-Regimes ausgesetzt.

      Berufliche Verdrängung

      Die antisemitische Verfolgung führte dazu, dass Oskar Skaller bereits 1933 aus seiner Position als Aufsichtsratsvorsitzender bei der M. Pech A.G. und 1938 als Geschäftsführer der Mariendorfer Gummiwarenfabrik entlassen wurde.

      Eskalation

      Während der Novemberpogrome stürmten Antisemit*innen das Landhaus in Bad Saarow und zerstörten die gesamte Einrichtung. Die Sorge der Familie Skaller vor einer Inhaftierung Oskar Skallers wuchs.

      Flucht

      Die Eheleute Skaller fassten den Entschluss, Deutschland zu verlassen. Über England flohen Lea und Oskar Skaller im September 1939 nach Johannesburg in Südafrika. Ihre Wohnungseinrichtung lagerten sie bei der Speditionsfirma W. Heimann ein.

      Beschlagnahme

      Im April 1941 meldete die Geheime Staatspolizei Berlin die Beschlagnahme des Umzugsgutes bei der Spedition und plante die Ausbürgerung von Oskar und Lea Skaller. Die Gestapo berief sich hierbei auf das Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit.

      Vermögensverfall

      Der offizielle Bescheid darüber, dass das Vermögen der Eheleute Skaller aufgrund der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz an das Deutsche Reich "verfiel", wurde erst am 20. Juli 1944 ausgestellt. Sämtlichen Besitz hatte die Finanzverwaltung aber bereits "verwertet", bevor die formalen Bedingungen dafür gegeben waren.

      Die Versteigerung des Umzugsgutes

      Schon mit der Meldung über die Beschlagnahme des Umzugsguts vom April 1941 begann das zunächst noch zuständige Finanzamt Moabit-West, den zurückgelassenen Besitz Stück für Stück zu veräußern.

      Das gesamte bei der Spedition W. Heimann eingelagerte Umzugsgut, darunter auch die zurückgelassene Gemäldesammlung Skallers, ließ die Behörde auf zwei Auktionen von Bernhard Schlüter in Berlin versteigern.

      Am 16. August 1941 fand die erste Versteigerung in der Panoramastraße 1, unweit des Alexanderplatzes, statt. In der Versteigerungsniederschrift finden sich nur wenige Angaben zu den über hundert angebotenen Objekten.

      Zu den Käufer*innen zählten diverse Kunst-, Antiquitäten- und Möbelhändler*innen in Berlin, aber auch Privatpersonen.

      • Vordruck „Verhandelt“, maschinenschriftlich ausgefüllt mit Informationen zur Versteigerung
        Deckblatt der Versteigerungsniederschrift von Bernhard Schlüter, 16. August 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 19
      • Auszug aus Vordruck Versteigerungsniederschrift mit maschinenschriftlichen Eintragungen zu den einzelnen Positionen sowie Namen der Meistbietenden
        Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Bernhard Schlüter, 16. August 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 25v
        Auszug aus der Versteigerungsniederschrift: Vordruck mit maschinenschriftlichen Eintragungen zu dem Gemälde „Weiblicher Akt“
        Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Bernhard Schlüter, 30. Juni 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 49v

        Auf der zweiten Versteigerung am 30. Juni 1942 bot Schlüter gesondert das Gemälde „Weiblicher Akt“ von Lovis Corinth an.

        Der Kunsthändler Paul Roemer sowie der Jurist und Kunstsammler Dr. Conrad Doebbeke hatten zuvor persönlich ihr Interesse an dem Gemälde bei der Vermögensverwertungsstelle bekundet. Offenbar wussten sie, dass dort nun über die Sammlungen der Skallers verfügt wurde.

        Auf der Versteigerung erhielt Doebbeke exklusiv den Zuschlag – zum Preis von 8.000 RM. Im Vergleich zu den anderen Objekten ist das Gemälde von Corinth in der Versteigerungsniederschrift detailliert beschrieben.

        Farbfotografie eines Ölgemäldes im Querformat, das eine liegende nackte Frau mit blondem Haar darstellt
        Lovis Corinth, Liegender weiblicher Akt, 1915, Öl auf Holz, 58 x 115 cm, Sammlung Würth, Inv. 20434, Foto: Walter Bayer

        Eine Kiste Kunstgegenstände

        Einen anderen Weg als das Umzugsgut nahmen einige Kunstgegenstände, die der Architekt und Kunstmaler Wilhelm Wagner verwahrte. Die Kiste Umzugsgut enthielt persische Keramiken.

        Wagner war von 1920 bis 1937 mit einer der Töchter der Skallers verheiratet und stand auch danach noch in Kontakt mit der Familie. Er kannte die Kunstsammlung des Unternehmers.

        Die bei Wagner verwahrte Kiste sollte nach England verschickt werden, um die Kunstgegenstände beim Auktionshaus Sotheby’s zu versteigern, darunter vermutlich Objekte, die auf den Auktionen 1927 und 1932 keine Abnehmer*innen gefunden hatten.

        Die Geheime Staatspolizei beschlagnahmte 1941 die bei Wagner lagernden Objekte und setzte das Finanzamt Moabit-West darüber in Kenntnis.

        Maschinenschriftlicher Brief mit dem Briefkopf der Geheimen Staatspolizei
        Schreiben der Geheimen Staatspolizei an das Finanzamt Moabit-West, 2. Dezember 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 10
        Maschinenschriftliches Dokument im Querformat: Liste von Objekten
        Empfangsquittung von Eulert, 23. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 63

        Im Juli quittierte der Behördenmitarbeiter Eulert den Eingang von insgesamt 25 Kunstgegenständen in die Vermögensverwertungsstelle und listete die Objekte knapp auf.

        Der weitere Verbleib der 25 Kunstgegenstände lässt sich nur vage anhand einzelner Spuren in Oskar Skallers Akte bei der Vermögensverwertungsstelle rekonstruieren.

        Gutachten der Staatlichen Museen zu Berlin

        In der Akte sind zwei Gutachten von Mitarbeitern der Staatlichen Museen zu Berlin überliefert: Arthur Graf Strachwitz, Mitarbeiter bei der Ostasiatischen Kunstabteilung, und Kurt Erdmann, Mitarbeiter der Islamischen Kunstabteilung, begutachteten fünfzehn der 25 Kunstgegenstände. Die Gutachten enthalten mehr Informationen zu den Objekten, werfen aber auch zusätzliche Fragen auf.

        Arthur Graf Strachwitz taxierte am 24. Februar 1943 sieben Objekte, darunter Teeschalen, Vasen und Gefäße, auf zusammen 90 RM.

        Schreiben mit dem Briefkopf des Museums für Völkerkunde: handschriftliche Liste von Objekten
        Gutachten Arthur Graf Strachwitz, 24. Februar 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 61

        Erst auf den zweiten Blick lässt sich ein handschriftliches Dokument als Gutachten des Museumsmitarbeiters Kurt Erdmann identifizieren. Von den dreizehn dort aufgeführten Kunstgegenständen hat er bei lediglich acht Objekten einen Wert benannt.

        Trotz der oberflächlichen Beschreibung der Gegenstände wird deutlich, dass sich darunter auch persische Keramiken befanden:

        Papierdokument mit handschriftlichen Notizen

        Gutachten Kurt Erdmann, o.D. (wohl Frühjahr 1943). BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 62

        Fasst man beide Gutachten zusammen, schätzten die Museumsmitarbeiter Arthur Strachwitz und Kurt Erdmann insgesamt fünfzehn Objekte aus Skallers Besitz auf einen Wert von 160 RM.

        Rückseite eines Dokuments mit einer handschriftlichen Notiz
        Rückseite der Quittung mit handschriftlicher Anmerkung, 23. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 56v

        Verkauft an Wilhelm Wagner

        Die zwei Gutachten der Museumsmitarbeiter stehen im Zusammenhang mit dem Verkauf von „14 antiken Keramiken“ am 10. März 1943 an Wilhelm Wagner.

        Eine handschriftliche Notiz auf der Rückseite der Einlieferungsquittung der Kunstgegenstände zeigt: Wilhelm Wagner hatte sein Interesse für die Objekte wohl direkt bei ihrer Ablieferung an die Behörde bekundet.

        Der ehemalige Verwahrer der Kunstgegenstände, der einstige Schwiegersohn und bleibende Freund der Familie Skaller, kaufte im März 1943 vierzehn der insgesamt 25 Kunstgegenstände für 150 RM direkt von der Vermögensverwertungsstelle. Ob er dabei in Skallers Auftrag handelte, bleibt ungewiss.

        Hatten die zwei Gutachten der Museumsmitarbeiter insgesamt fünfzehn Kunstgegenstände zum Wert von 160 RM aufgelistet, erwarb Wilhelm Wagner nur „14 Stücke antike Keramik“ zu einem Preis von 150 RM.

        Der Verbleib eines begutachteten Objekts im Wert von 10 RM bleibt also offen.

        • Vordruck „Verhandlung“, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt
          Vorderseite der „Verkaufsverhandlung“ als Beleg des Verkaufs an Wilhelm Wagner, 10. März 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 60
        • Vordruck „Verhandlung“, Rückseite, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt
          Rückseite der „Verkaufsverhandlung“ an Wilhelm Wagner, 10. März 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 60v
          : Ausschnitt aus einer Tafel des Auktionskatalogs: Schwarzweißfotografie eines Gefäßes mit vertikalen Streifen und Punkten im Wechsel. Knapp unter der Öffnung ist ein Gesicht dargestellt.
          Abbildung „Kleines Gefäss“ aus dem Auktionskatalog von 1932.
          Internationales Kunst- und Auktions-Haus (Hrsg): Antiquitäten, Gemälde alter u. neuer Meister. Berlin, 2. Februar 1932 [Auktionskatalog], Tafel 19

          Eine Keramik „für Museum“?

          Könnte es sein, dass die Islamische Abteilung der Staatlichen Museen Berlin die auf 10 RM geschätzte „1 Puppe, Persien 13.–14. Jahrhundert“ für sich ankaufte? Das lässt die Anmerkung „für Museum“ vermuten.

          Im Rahmen des Rückerstattungsverfahrens identifizierte eine Tochter der Skallers die „Puppe“: Sie sei identisch mit dem Objekt, das 1932 im Auktionskatalog des Internationalen Kunst- und Auktions-Hauses unter Nr. 192 als „Kleines Gefäss, plastisch modelliert in Form einer sitzenden Person“ aufgeführt wurde.

          Zu dem persischen Gefäß finden sich im Katalog folgende Informationen: „türkisgrün glasiert mit blauen Streifen, schwarzen Punkten und schwarzer Gesichtszeichnung. Persien (Suitanabad), 14. Jahrh. Höhe 10 cm, Breite 8,2 cm.“

          Jenseits der Äußerung von Skallers Tochter fehlen bislang eindeutige Belege dafür, dass die „Puppe“ aus dem Gutachten von Kurt Erdmann in der Akte der Vermögensverwertungsstelle tatsächlich mit dem „Kleinen Gefäss“ in dem Auktionskatalog identisch ist.

          Genauso vage bleibt die These, dass die Staatlichen Museen zu Berlin die „Puppe“ erworben haben.

          Was spricht dafür?

          Die Notiz „für Museum“ auf dem Gutachten, das Kurt Erdmann als Mitarbeiter der Islamischen Abteilung der Staatlichen Museen unterschrieb, lässt Interesse durch das Museum vermuten.

          Ohne die „Puppe“ entsprechen die Zahl und der Gesamtwert der Objekte in den Gutachten der Verkaufsvereinbarung mit Wilhelm Wagner: vierzehn Stück für 150 RM. Demnach ist es gut möglich, dass die „Puppe“ anschließend für 10 RM an die Staatlichen Museen verkauft wurde.

          Die Staatlichen Museen waren bereits im Besitz persischer Keramiken von Oskar Skaller, einige Mitarbeiter kannten die museal bedeutsame Sammlung.

          Was spricht dagegen?

          Weder in der Vermögensverwertungsstellenakte noch in den Erwerbungsunterlagen der Staatlichen Museen zu Berlin finden sich weitere Hinweise, die einen Ankauf oder eine Schenkung an die Islamische Abteilung belegen.

          Das Objekt selbst lässt sich in den Beständen des Museums für Islamische Kunst nicht nachweisen. Die spärlichen Angaben zu der „Puppe“ erschweren die Suche.

          Bislang konnte keine der Annahmen zum Verbleib der „Puppe“ belegt werden – zu groß sind die Lücken in der Dokumentation.

          19 von 25 Kunstgegenständen

          Unabhängig davon, ob nun ein Objekt an die Staatlichen Museen gelangte oder nicht: In der Akte der Vermögensverwertungsstelle ist nur der Verkauf von neunzehn der insgesamt 25 bei Wilhelm Wagner eingelagerten Kunstgegenstände lückenlos dokumentiert.

          „14 Stücke antike Keramik“ erwarb Wilhelm Wagner von der Vermögensverwertungsstelle.

          Fünf Gegenstände aus Lapislazuli verkaufte die Finanzbehörde an den Juwelier Gutschner.

          Was mit den übrigen sechs Objekten passierte, geht nicht aus der Akte hervor. Auch daran lässt sich etwas über das Selbstverständnis der Vermögensverwertungsstelle ablesen: Ihre Arbeit und somit auch die Dokumentation war mit dem Eingang des Verkaufserlöses abgeschlossen.

          Was mit Besitz Skallers nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes passierte, erfährst du im Kapitel Verantwortung.