Seidenbandfabrikant in Kreuzberg
Hugo Loewy wurde am 20. März 1862 in Czarnikau in Westpreußen (Czarnków) geboren. Im Jahr 1900 übernahm er eine Fabrik für Seidenbänder, die in der Kommandantenstraße 77 in Berlin-Kreuzberg ansässig war. Er belieferte unter anderem das Bestattungshaus Grieneisen regelmäßig mit Bändern.
Hugo Loewy und seine Familie lebten in einer großzügigen Vierzimmerwohnung in der Pommerschen Straße 5. Die Wohnung in Berlin-Wilmersdorf war gediegen eingerichtet. Zudem besaßen die Loewys einige Ölgemälde.
Nach dem Tod seiner Frau Louise 1930 und dem Auszug der Kinder Käthe und Fritz lebte Hugo Loewy allein in der Wohnung.
Zu Loewy gibt es nur noch sehr wenige Spuren, die meisten finden sich in seiner OFP-Akte.
Die Schwiegertochter erinnerte sich nach dem Krieg an Loewys Besitz:

Er hatte zwei oder sogar 3 wertvolle vollständige Porzellanservice für 24 Personen […]. In dem einen Zimmer war ein echter sehr großer Perserteppich […]. In einem anderen Zimmer (Herrenzimmer) hatte er seine Bibliothek, und sehr schöne Ledermöbel mit Sofa und Lehnstühlen, einer Perserbrücke vor dem Schreibtische und weiter eine andere Perserbrücke.
Sylvia Loewy-Garai, Schwiegertochter, WGA-Verfahren, 6. November 1953. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08, Nr. 4119/51, Bl. 7

Entrechtung, Verfolgung, Deportation
Hugo Loewy verlor durch die antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen zunächst seine Bandfabrik, die 1937 liquidiert wurde. Ende Mai 1942 wurde er gezwungen, seine Wohnung in der Pommerschen Straße zu verlassen und in der „Jüdischen Pension“Pensionen, deren Besitzer*innen im Nationalsozialismus als Jüdinnen*Juden verfolgt wurden. von Else Isaac am Kurfürstendamm 195 ein teilmöbliertes Zimmer zu beziehen. Else Isaac selbst wurde ebenfalls als Jüdin verfolgt. Loewy nahm einige Dinge aus seiner alten Wohnung mit in die „Pension“, darunter einige Kunstwerke.
Nur wenige Monate wohnte Loewy am Kurfürstendamm. Bereits am 31. August 1942 musste er sich nach Aufforderung der Geheimen Staatspolizei Berlin in das SammellagerOrte, an denen Jüdinnen*Juden vor der Deportation zusammengepfercht wurden. in der Großen Hamburger Straße 26 begeben und eine VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. ausfüllen.
Die wenigen Besitztümer, die Loewy mit in die „Pension“ genommen hatte, vermerkte er in der VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. mit Bleistift vorschriftsmäßig. Die Kunstwerke, die sich darunter befanden, fasste er als „7 div. Bilder“ zusammen.
In der VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. hinterließ Hugo Loewy mit seiner Unterschrift sein letztes Lebenszeichen. Er führte in dem vorgedruckten Dokument neben seinem Namen auch den ZwangsnamenAb dem 1. Januar 1939 mussten Jüdinnen*Juden den zusätzlichen Vornamen Sara bzw. Israel führen. Israel auf.
Hugo Loewys gesamtes Vermögen war bereits vor dem Ausfüllen der VermögenserklärungFormular in dem Jüdinnen*Juden vor ihrer Deportation Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen mussten. am 1. August 1942, aufgrund der Einziehungsgesetze von 1933 von den Behörden eingezogen„Verfall“ und „Einziehung“ bezeichnete im Kontext der Reichsfinanzverwaltung die Einbehaltung von beschlagnahmten Gegenständen zugunsten des Staates. worden.
Am 1. September 1942 erhielt Loewy im SammellagerOrte, an denen Jüdinnen*Juden vor der Deportation zusammengepfercht wurden. in der Großen Hamburger Straße 26 die Zustellungsurkunde für den Einzug seines Vermögens.
Nachträglich ausgestellte Transportkarte nach TreblinkaTreblinka II war eines der größten Vernichtungslager der Nationalsozialist*innen., 20. September 1942. Arolsen Archives, Ghetto Theresienstadt-Kartei, DocID: 5061748
Nur einen Tag darauf, im Alter von 80 Jahren, wurde Hugo Loewy am 2. September 1942 in das „AltersghettoDas sogenannte Altersghetto Theresienstadt wurde in der alten Garnisonsstadt im heutigen Terezin (Tschechien) als größtes Konzentrationslager (KZ) im Protektorat Böhmen und Mähren errichtet.“ TheresienstadtDas sogenannte Altersghetto Theresienstadt wurde in der alten Garnisonsstadt im heutigen Terezin (Tschechien) als größtes Konzentrationslager (KZ) im Protektorat Böhmen und Mähren errichtet. verschleppt. Von dort aus deportierten ihn die Nationalsozialist*innen wenige Tage später in das Vernichtungslager TreblinkaTreblinka II war eines der größten Vernichtungslager der Nationalsozialist*innen.. Dort wurde er – wahrscheinlich direkt nach seiner Ankunft – ermordet.

Familie Loewy
Fritz Loewy war neben seinem Vater Hugo Loewy Mitinhaber der Bandfabrik gewesen und floh mit seiner Frau Sylvia Loewy-Garai im August 1940 nach Oslo. Dort wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet. Sylvia Loewy-Garai war durch ihre US-amerikanische Staatsangehörigkeit weitestgehend geschützt. Sie wurde zwar kurzzeitig inhaftiert, überlebte jedoch die Haft und flüchtete nach Schweden. Auch Hugo Loewys Tochter Käthe Löwenstein war durch Flucht der Verfolgung entkommen: Sie hatte 1938 den Arzt Dr. Hans Löwenstein geheiratet und war mit ihm in die USA emigriert.
Loewys Kunstbesitz in den Akten des OFP
Mit dem Einzug von Hugo Loewys Vermögen, der Einrichtung seiner Wohnung und schließlich der in die „Pension“ mitgebrachten Dinge bemächtigte sich der NS-Staat seines gesamten Besitzes. Im Auftrag des Oberfinanzpräsidenten (OFP)Bis 1937 „Landesfinanzämter“. OFP waren die höchsten regional zuständigen Behörden der Reichsfinanzverwaltung. Ab Ende 1941 waren sie damit beauftragt, den Vermögensraub an den deportierten Jüdinnen*Juden zu planen und durchzuführen. verkaufte die Vermögensverwertungsstelle schließlich Teile des Besitzes zugunsten der Reichskasse. Das Übrige „verwertete„Verwertung“ bezeichnet alle Maßnahmen, die von der Reichsfinanzverwaltung ergriffen wurden, um geraubtes Vermögen der Staatskasse zuzuführen.“ das HauptwirtschaftsamtGriff ab Ende 1942 privilegiert auf enteigneten Besitz von deportierten Berliner Jüdinnen*Juden zu..
Vor der „Verwertung“„Verwertung“ bezeichnet alle Maßnahmen, die von der Reichsfinanzverwaltung ergriffen wurden, um geraubtes Vermögen der Staatskasse zuzuführen. wurde der Besitz begutachtet und taxiert. Dabei traten zwei verschiedene Gutachter auf:
Kurz nach Loewys DeportationZwangsweise Verschleppung von Menschen durch staatliche Behörden aus ihrem Wohn- oder Herkunftsort auf ein anderes Staatsgebiet oder in entlegene Regionen. begutachtete am 27. Oktober 1942 der Obergerichtsvollzieher Beck im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle den Inhalt von Loewys Zimmer in der „Pension“ und schätzte dessen Wert. Unter den Kunstwerken, die laut letzter Angabe von Loewy selbst sieben Bilder umfassten, hob Beck vier gesondert hervor. Er taxierte sie auf insgesamt 3.300 RM:
Schätzliste von Obergerichtsvollzieher Beck, 2. November 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 25
Nachdem die Vermögensverwertungsstelle Kenntnis von wertvollem Kunstbesitz erhalten hatte, beauftragte sie einen Kunstsachverständigen mit einer weiteren Schätzung. Der beauftragte Sachverständige Ludwig Schmidt-Bangel nahm in seine Begutachtung der Gemälde lediglich die drei wertvollsten Bilder auf und gab leicht abweichende Titel an:
Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 5. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 27
Die Gemälde von Skarbina und Pohle taxierte Schmidt-Bangel etwas geringer als Obergerichtsvollzieher Beck. Die Kopie eines Rembrandt-Gemäldes führte er gar nicht auf, möglicherweise sah er es als weniger wertvoll an. Insgesamt schätzte er den Wert der Bilder auf 2.750 RM und legte dieses Gutachten der Vermögensverwertungsstelle vor.
Alle drei Künstler, die Beck und Schmidt-Bangel aufführten, waren an Akademien ausgebildet worden, ihre Werke hängen in verschiedenen Museen in Europa.
Franz Skarbina
Der Berliner Maler Franz Skarbina (1849 – 1910) schuf zahlreiche impressionistische Werke, die Szenen des Alltags und des städtischen Lebens zeigen. Mit dem Gemälde „Durchgang in der Fischergasse Berlin“ schuf er einen Einblick in die Fischerstraße im alten Stadtteil Cölln, wo seit dem Mittelalter das Fischereigewerbe ansässig war.
Hermann Emil Pohle
Das Œuvre des Malers Hermann Emil Pohle (1863 – 1914) umfasst insbesondere Historien- und Landschaftsmalerei, deren Stil wohl auch den „Einsamen Reiter“ prägt.
Bertram Priestman
In den Stil der romantisch-impressionistischen Landschaften lässt sich auch Bertram Priestmans (1868 – 1951) Werk einordnen. Vergleichbare Gemälde des Künstlers zeigen die „Schottische Landschaft“ in romantischer sowie flämischer Tradition.
Verschwunden in Privatbesitz
Auf der Grundlage von Schmidt-Bangels Gutachten entschied die Vermögensverwertungsstelle, zwei der Bilder durch einen direkten Verkauf zu „verwerten“. Es fand keine öffentliche Versteigerung statt.
Eine Quittung vom 28. Dezember 1942 belegt den Verkauf des Gemäldes von H. E. Pohle, in den Gutachten bezeichnet als „Einsamer Reiter“ oder „Reiter in Landschaft“, zum höheren Taxat zzgl. Gebühr für insgesamt 561 RM an den SS-Obersturmführer Johannes Schertl. Dieser hatte bereits einen Teppich und eine offene Bibliothek aus Loewys Besitz erworben.
Johannes Schertl nutzte seine privilegierte Position als SS-Obersturmführer, um vom staatlich geraubten jüdischen Besitz zu profitieren.
Das Gemälde „Schottische Landschaft“ / „Landschaft mit Flusslauf und bewaldetem Ufer“ kaufte Käthe Malzbender, Ehefrau des Wirtschaftsprüfers Ludwig Malzbender. Sie beglich den Preis von 1.800 RM mittels einer Vollmacht, die ihr ihr Ehemann ausgestellt hatte. Ludwig Malzbender stand in engem Kontakt mit der Vermögensverwertungsstelle. In deren Akten tritt er als Gutachter und Vermögensverwalter auf.
Beide Gemälde gelangten also direkt in den privaten Besitz von Menschen, die unmittelbar durch das NS-System profitierten und darin Karriere machten. In ihrem Besitz verliert sich die Spur der Bilder bis heute. Ob sie weiterhin bei den Familien der Käufer*innen verblieben oder veräußert wurden, lässt sich auf der Grundlage der Akten der Vermögensverwertungsstelle nicht rekonstruieren.
Der NS-Staat erzielte allein für den Verkauf der beiden Gemälde von Pohle und Priestman aus Loewys Besitz einen Erlös von 2.361 RM.
Verlorene Spur der Bilder
Zum Verbleib der Rembrandt-Kopie sowie des Gemäldes „Durchgang in der Fischergasse Berlin“ von Franz Skarbina gibt es in der Akte keine weiteren Hinweise. Für sie ist kein Verkauf belegt.
Die beiden Bilder waren zunächst in der „Pension“ von Else Isaac verblieben. Nachdem Isaac ebenfalls deportiert worden war, wurde am 3. Februar 1943 der gesamte in ihren Räumen befindliche Hausrat als Konvolut durch das HauptwirtschaftsamtGriff ab Ende 1942 privilegiert auf enteigneten Besitz von deportierten Berliner Jüdinnen*Juden zu. geschätzt und verkauft. Darunter befanden sich laut Aufstellung auch Bilder. Weitere Informationen liegen dazu jedoch nicht vor und somit verliert sich die Spur der beiden Gemälde.
Alle Kunstwerke, die Hugo Loewy auf der Grundlage von NS-Gesetzen entzogen wurden, gelangten über die Reichsfinanzverwaltung in Privatbesitz oder in den Einzelhandel. Im Zuge der Recherche nach den einzelnen Kunstwerken konnte zu keinem ein heutiger Standort in einer öffentlichen Einrichtung ermittelt werden. Teilweise sind die vorhandenen Informationen zu knapp und zu wenig aussagekräftig, um eine eindeutige Identifikation der Werke zu ermöglichen.
Weiteres zur Geschichte der Familie Loewy nach dem Krieg erfährst du im Kapitel Verantwortung.
