Story

Hugo Loewy

Der Kaufmann Hugo Loewy handelte mit Seidenbändern und führte mit seiner Familie ein bürgerliches Leben in Berlin. Durch die antisemitische Politik der Nationalsozialist*innen verlor er zuerst seine Fabrik, dann seine Wohnung und mit der Deportation seinen letzten Besitz und sein Leben. Die Kunstwerke, die Hugo Loewy besessen hatte, verschwanden in Privatbesitz.

Hugo Loewy

Geboren:
20. März 1862 in Czarnikau/Posen (heute Czarnków, Polen)
Gestorben:
Ermordet 5. Dezember 1942 in Treblinka, (damals deutsch besetztes) Polen
Letzter Wohnort:
Kurfürstendamm 195, Berlin

Seidenbandfabrikant in Kreuzberg

Hugo Loewy wurde am 20. März 1862 in Czarnikau in Westpreußen (Czarnków) geboren. Im Jahr 1900 übernahm er eine Fabrik für Seidenbänder, die in der Kommandantenstraße 77 in Berlin-Kreuzberg ansässig war. Er belieferte unter anderem das Bestattungshaus Grieneisen regelmäßig mit Bändern.

Hugo Loewy und seine Familie lebten in einer großzügigen Vierzimmerwohnung in der Pommerschen Straße 5. Die Wohnung in Berlin-Wilmersdorf war gediegen eingerichtet. Zudem besaßen die Loewys einige Ölgemälde.

Nach dem Tod seiner Frau Louise 1930 und dem Auszug der Kinder Käthe und Fritz lebte Hugo Loewy allein in der Wohnung.

Zu Loewy gibt es nur noch sehr wenige Spuren, die meisten finden sich in seiner OFP-Akte.

Die Schwiegertochter erinnerte sich nach dem Krieg an Loewys Besitz:

Rückseite einer Postkarte mit Vordruck einer Firma als Absender, maschinenschriftlich Empfänger eingefügt, mit Briefmarke und Poststempel
Postkarte mit Adresse der Bandfabrik von Hugo Loewy, Poststempel vom 26. Mai 1928, verschickt an Fa. C. F. Sturm, Hertigswalderstr., Sebnitz. Privatbesitz

Er hatte zwei oder sogar 3 wertvolle vollständige Porzellanservice für 24 Personen […]. In dem einen Zimmer war ein echter sehr großer Perserteppich […]. In einem anderen Zimmer (Herrenzimmer) hatte er seine Bibliothek, und sehr schöne Ledermöbel mit Sofa und Lehnstühlen, einer Perserbrücke vor dem Schreibtische und weiter eine andere Perserbrücke.

Sylvia Loewy-Garai, Schwiegertochter, WGA-Verfahren, 6. November 1953. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08, Nr. 4119/51, Bl. 7
Schwarzweißfotografie eines Treppenhauses mit Türen
Eingangsbereich des Sammellagers Große Hamburger Straße 26. Durch dieses Treppenhaus mussten die Menschen eintreten. bpk-Fotoarchiv; Fotograf*in unbekannt

Entrechtung, Verfolgung, Deportation

Hugo Loewy verlor durch die antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen zunächst seine Bandfabrik, die 1937 liquidiert wurde. Ende Mai 1942 wurde er gezwungen, seine Wohnung in der Pommerschen Straße zu verlassen und in der „Jüdischen Pension“ von Else Isaac am Kurfürstendamm 195 ein teilmöbliertes Zimmer zu beziehen. Else Isaac selbst wurde ebenfalls als Jüdin verfolgt. Loewy nahm einige Dinge aus seiner alten Wohnung mit in die „Pension“, darunter einige Kunstwerke.

Nur wenige Monate wohnte Loewy am Kurfürstendamm. Bereits am 31. August 1942 musste er sich nach Aufforderung der Geheimen Staatspolizei Berlin in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 begeben und eine Vermögenserklärung ausfüllen.

Die wenigen Besitztümer, die Loewy mit in die „Pension“ genommen hatte, vermerkte er in der Vermögenserklärung mit Bleistift vorschriftsmäßig. Die Kunstwerke, die sich darunter befanden, fasste er als „7 div. Bilder“ zusammen.

In der Vermögenserklärung hinterließ Hugo Loewy mit seiner Unterschrift sein letztes Lebenszeichen. Er führte in dem vorgedruckten Dokument neben seinem Namen auch den Zwangsnamen Israel auf.

Hugo Loewys gesamtes Vermögen war bereits vor dem Ausfüllen der Vermögenserklärung am 1. August 1942, aufgrund der Einziehungsgesetze von 1933 von den Behörden eingezogen worden.

Am 1. September 1942 erhielt Loewy im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 die Zustellungsurkunde für den Einzug seines Vermögens.

  • Vorgedrucktes Dokument, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt

    Erste Seite der Vermögenserklärung, handschriftlich ausgefüllt von Hugo Loewy. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 2

  • Vorgedrucktes Dokument, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt

    Seite der Vermögenserklärung, Angaben zu Kunstbesitz, handschriftlich ausgefüllt von Hugo Loewy. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 7

  • Vorgedrucktes Dokument, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt und unterschrieben

    Letzte Seite der Vermögenserklärung mit Unterschrift von Hugo Loewy. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 9v

    Vorgedruckte Karteikarte mit handschriftlichen Eintragungen und Stempeln

    Nachträglich ausgestellte Transportkarte nach Treblinka, 20. September 1942. Arolsen Archives, Ghetto Theresienstadt-Kartei, DocID: 5061748

    Nur einen Tag darauf, im Alter von 80 Jahren, wurde Hugo Loewy am 2. September 1942 in das „AltersghettoTheresienstadt verschleppt. Von dort aus deportierten ihn die Nationalsozialist*innen wenige Tage später in das Vernichtungslager Treblinka. Dort wurde er – wahrscheinlich direkt nach seiner Ankunft – ermordet.

    Tabellarischer Vordruck im Querformat: Transportliste. Hinter fortlaufenden Nummern sind maschinenschriftlich die Namen der Deportierten mit Geburtsdatum, Adresse und Beruf aufgeführt.
    Der Name Hugo Loewy unter der Nummer 54 auf der Liste der Gestapo. Transportlisten: „Alterstransporte“ 51–57 (I/53 – I/59) nach Theresienstadt, 718 gelistete Personen, 27. August 1942 – 5. September 1942, Arolsen Archives, DocID: 127205018

    Familie Loewy

    Fritz Loewy war neben seinem Vater Hugo Loewy Mitinhaber der Bandfabrik gewesen und floh mit seiner Frau Sylvia Loewy-Garai im August 1940 nach Oslo. Dort wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet. Sylvia Loewy-Garai war durch ihre US-amerikanische Staatsangehörigkeit weitestgehend geschützt. Sie wurde zwar kurzzeitig inhaftiert, überlebte jedoch die Haft und flüchtete nach Schweden. Auch Hugo Loewys Tochter Käthe Löwenstein war durch Flucht der Verfolgung entkommen: Sie hatte 1938 den Arzt Dr. Hans Löwenstein geheiratet und war mit ihm in die USA emigriert.

    Loewys Kunstbesitz in den Akten des OFP

    Mit dem Einzug von Hugo Loewys Vermögen, der Einrichtung seiner Wohnung und schließlich der in die „Pension“ mitgebrachten Dinge bemächtigte sich der NS-Staat seines gesamten Besitzes. Im Auftrag des Oberfinanzpräsidenten (OFP) verkaufte die Vermögensverwertungsstelle schließlich Teile des Besitzes zugunsten der Reichskasse. Das Übrige „verwertete“ das Hauptwirtschaftsamt.

    Vor der „Verwertung“ wurde der Besitz begutachtet und taxiert. Dabei traten zwei verschiedene Gutachter auf:

    Kurz nach Loewys Deportation begutachtete am 27. Oktober 1942 der Obergerichtsvollzieher Beck im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle den Inhalt von Loewys Zimmer in der „Pension“ und schätzte dessen Wert. Unter den Kunstwerken, die laut letzter Angabe von Loewy selbst sieben Bilder umfassten, hob Beck vier gesondert hervor. Er taxierte sie auf insgesamt 3.300 RM:

    Vordruck eines Formulars, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt, mit Stempel

    Schätzliste von Obergerichtsvollzieher Beck, 2. November 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 25

    Nachdem die Vermögensverwertungsstelle Kenntnis von wertvollem Kunstbesitz erhalten hatte, beauftragte sie einen Kunstsachverständigen mit einer weiteren Schätzung. Der beauftragte Sachverständige Ludwig Schmidt-Bangel nahm in seine Begutachtung der Gemälde lediglich die drei wertvollsten Bilder auf und gab leicht abweichende Titel an:

    Maschinenschriftliches Dokument mit Stempel und Unterschrift

    Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 5. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 27

    Die Gemälde von Skarbina und Pohle taxierte Schmidt-Bangel etwas geringer als Obergerichtsvollzieher Beck. Die Kopie eines Rembrandt-Gemäldes führte er gar nicht auf, möglicherweise sah er es als weniger wertvoll an. Insgesamt schätzte er den Wert der Bilder auf 2.750 RM und legte dieses Gutachten der Vermögensverwertungsstelle vor.

    Alle drei Künstler, die Beck und Schmidt-Bangel aufführten, waren an Akademien ausgebildet worden, ihre Werke hängen in verschiedenen Museen in Europa.

    Franz Skarbina

    Der Berliner Maler Franz Skarbina (1849 – 1910) schuf zahlreiche impressionistische Werke, die Szenen des Alltags und des städtischen Lebens zeigen. Mit dem Gemälde „Durchgang in der Fischergasse Berlin“ schuf er einen Einblick in die Fischerstraße im alten Stadtteil Cölln, wo seit dem Mittelalter das Fischereigewerbe ansässig war.

    Hermann Emil Pohle

    Das Œuvre des Malers Hermann Emil Pohle (1863 – 1914) umfasst insbesondere Historien- und Landschaftsmalerei, deren Stil wohl auch den „Einsamen Reiter“ prägt.

    Bertram Priestman

    In den Stil der romantisch-impressionistischen Landschaften lässt sich auch Bertram Priestmans (1868 – 1951) Werk einordnen. Vergleichbare Gemälde des Künstlers zeigen die „Schottische Landschaft“ in romantischer sowie flämischer Tradition.

    Verschwunden in Privatbesitz

    Auf der Grundlage von Schmidt-Bangels Gutachten entschied die Vermögensverwertungsstelle, zwei der Bilder durch einen direkten Verkauf zu „verwerten“. Es fand keine öffentliche Versteigerung statt.

    Eine Quittung vom 28. Dezember 1942 belegt den Verkauf des Gemäldes von H. E. Pohle, in den Gutachten bezeichnet als „Einsamer Reiter“ oder „Reiter in Landschaft“, zum höheren Taxat zzgl. Gebühr für insgesamt 561 RM an den SS-Obersturmführer Johannes Schertl. Dieser hatte bereits einen Teppich und eine offene Bibliothek aus Loewys Besitz erworben.

    Johannes Schertl nutzte seine privilegierte Position als SS-Obersturmführer, um vom staatlich geraubten jüdischen Besitz zu profitieren.

    • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Johannes Schertl; Vorderseite
      Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes Nr. 37 an Johannes Schertl SS-Obersturmführer, 28. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 30
    • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Johannes Schertl; Rückseite
      Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes Nr. 37 an Johannes Schertl SS-Obersturmführer, 28. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 30v
      • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Käthe Malzbender; Vorderseite
        Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes von Bertram Priestman an Wirtschaftsberater Ludwig Malzbender, 17. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 35
      • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Käthe Malzbender; Rückseite
        Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes von Bertram Priestman an Wirtschaftsberater Ludwig Malzbender, 17. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 35v
      • Kleinformatiges Dokument, maschinengeschrieben, unterschrieben von Ludwig Malzbender
        Vollmacht ausgestellt von Ludwig Malzbender für seine Ehefrau Käthe Malzbender, 15. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 36

        Das Gemälde „Schottische Landschaft“ / „Landschaft mit Flusslauf und bewaldetem Ufer“ kaufte Käthe Malzbender, Ehefrau des Wirtschaftsprüfers Ludwig Malzbender. Sie beglich den Preis von 1.800 RM mittels einer Vollmacht, die ihr ihr Ehemann ausgestellt hatte. Ludwig Malzbender stand in engem Kontakt mit der Vermögensverwertungsstelle. In deren Akten tritt er als Gutachter und Vermögensverwalter auf.

        Beide Gemälde gelangten also direkt in den privaten Besitz von Menschen, die unmittelbar durch das NS-System profitierten und darin Karriere machten. In ihrem Besitz verliert sich die Spur der Bilder bis heute. Ob sie weiterhin bei den Familien der Käufer*innen verblieben oder veräußert wurden, lässt sich auf der Grundlage der Akten der Vermögensverwertungsstelle nicht rekonstruieren.

        Der NS-Staat erzielte allein für den Verkauf der beiden Gemälde von Pohle und Priestman aus Loewys Besitz einen Erlös von 2.361 RM.

        Verlorene Spur der Bilder

        Zum Verbleib der Rembrandt-Kopie sowie des Gemäldes „Durchgang in der Fischergasse Berlin“ von Franz Skarbina gibt es in der Akte keine weiteren Hinweise. Für sie ist kein Verkauf belegt.

        Die beiden Bilder waren zunächst in der „Pension“ von Else Isaac verblieben. Nachdem Isaac ebenfalls deportiert worden war, wurde am 3. Februar 1943 der gesamte in ihren Räumen befindliche Hausrat als Konvolut durch das Hauptwirtschaftsamt geschätzt und verkauft. Darunter befanden sich laut Aufstellung auch Bilder. Weitere Informationen liegen dazu jedoch nicht vor und somit verliert sich die Spur der beiden Gemälde.

        Alle Kunstwerke, die Hugo Loewy auf der Grundlage von NS-Gesetzen entzogen wurden, gelangten über die Reichsfinanzverwaltung in Privatbesitz oder in den Einzelhandel. Im Zuge der Recherche nach den einzelnen Kunstwerken konnte zu keinem ein heutiger Standort in einer öffentlichen Einrichtung ermittelt werden. Teilweise sind die vorhandenen Informationen zu knapp und zu wenig aussagekräftig, um eine eindeutige Identifikation der Werke zu ermöglichen.

        Weiteres zur Geschichte der Familie Loewy nach dem Krieg erfährst du im Kapitel Verantwortung.

        Dokument im Querformat, handschriftlicher Vermerk mit Unterschrift und Datum
        Vermerk in Hugo Loewys Akte vom 15. Juli 1943, dass seine Einrichtungsgegenstände zusammen mit denen von Else Isaac geschätzt und veräußert wurden. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 34v