

Die Familie Eisner
Paul Jakob Eisner war der Sohn des Kommerzienrats Heinrich Eisner, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Miteigentümer der Albert-Hahn-Röhrenwalzwerke (Hahnsche Werke), und Olga Eisner geb. Tarlau.

Heinrich und Olga Eisner waren mit ihren Kindern im Tiergartenviertel ansässig und gehörten zu einer in der damaligen Zeit als kunstaffin bekannten Nachbarschaft. Dort wohnten beispielsweise auch das Schriftstellerehepaar Julie und Julius Elias, der Kunstsammler Oscar Huldschinsky und der Kunsthändler Paul Cassirer. Die Eisners lebten im Laufe der Zeit an verschiedenen Adressen im Viertel, so zum Beispiel in der Matthäikirchstraße. Bis zum Tod Olga Eisners im Jahre 1910 bewohnte die Familie eine großzügige Wohnung in der Bellevuestraße 14. Die Wohnung war mit wertvollem Mobiliar, Kunstobjekten und Teppichen eingerichtet. Beide Söhne der Eisners, Paul Jakob und Rudolf, stiegen in das Unternehmen der Hahnschen Werke ein. Paul Jakob Eisner arbeitete als Vorstandsmitglied und Generaldirektor der Hahnschen Werke Aktiengesellschaft. 1922 heiratete er Louise Odescalchi.





Die Eisners waren Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Berlin und veranstalteten regelmäßig auch Empfänge auf ihrem Rittergut Alt-Stahnsdorf, das ihnen seit 1906 gehörte. Den regelmäßigen Besuch von Bekannten und Freund*innen dort belegen zahlreiche Einträge in einem Gästebuch, wie etwa der des Malers Emil Pottner. Dieser gestaltete auch die Wände eines Raumes des Anwesens. Nach dem Tod Heinrich Eisners im Jahr 1918 übernahm seine Tochter Berta das Rittergut.

Erste Seite des Gästebuchs von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA
Eintrag Emil Pottners aus dem Jahr 1929 in das Gästebuch von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA
Nicht weit von seinem Elternhaus entfernt wohnte Paul Jakob Eisner mit seiner Frau ab 1927 in der Großen Querallee 2. Dies war sein letzter Wohnsitz in Berlin. Die Neunzimmerwohnung lag im Erdgeschoss und war großzügig eingerichtet.


Jedes Möbel war ein Museumsstück! […] Die Zimmer waren zum Teil mit kostbaren Seidenstoffen bespannt. […] Das Badezimmer war ringsherum mit Spiegeln verkleidet. Kostbare Originale (Porträts und Gemälde) verschönerten die Räume. Die Zimmer waren durchweg mit schwerem Velours ausgelegt und darauf lagen die wertvollsten echten Teppiche. Einer davon ein Geschenk vom Internationalen Röhrenverband. […]
Eidesstattliche VersicherungRechtsverbindliche Erklärung über einen Sachverhalt. von Caroline Langkammerer vom 28. Februar 1963. Sie war die Haushalts- und Kinderbetreuungshilfe für Heinrich und Olga Eisner. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08 Nr. 1954/51, Bl. 166
Verfolgung und Wirren der Flucht
Das Leben der Eisners änderte sich schlagartig, als die Nationalsozialist*innen 1933 an die Macht kamen – Paul Jakob Eisner sowie seine Geschwister wurden nun als jüdisch verfolgt.
1937 floh Paul Jakob Eisner nach Prag und von dort nach Wien. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland kehrte er nach Prag zurück. Im gleichen Jahr eignete sich der Mannesmann-Konzern im Zuge der „ArisierungDas Wort „Arisierung“ bezeichnet die systematische Enteignung von Jüdinnen*Juden im NS-Sprachgebrauch.“ das Unternehmen der Hahnschen Werke an. Dadurch wurden die Eisners aus dem Unternehmen getrieben. Zudem ließ sich Louise von Paul Jakob scheiden, wobei antisemitische und diskriminierende Motive eine Rolle spielten. Während sich Eisner geschäftlich in Paris aufhielt, wurde die Tschechoslowakei annektiert, sodass er nicht nach Prag zurückkehren konnte. In dieser Zwangslage entschied sich Eisner für eine Flucht nach Argentinien.
Auch Paul Jakob Eisners Geschwister mussten fliehen. Sein Bruder Rudolf Eisner emigrierte 1938 mit seiner Familie nach England, seine Schwester Berta Sabersky in die USA. Das Rittergut in Alt-Stahnsdorf musste das Ehepaar Sabersky schon im Jahr 1936 unter Zwang verkaufen.
„Verwertung“ von Umzugsgut
Die noch in Berlin befindlichen Einrichtungsgegenstände und persönlichen Dinge Paul Jakob Eisners wurden durch seine Sekretärin als Umzugsgut bei der Speditionsfirma Gustav Knauer in Berlin eingelagert. Im Dezember 1939 beschlagnahmte es dort die GestapoPolitische Polizei in der Zeit des Nationalsozialismus, die politische Gegner*innen sowie Jüdinnen*Juden überwachte und verfolgte. Berlin und informierte das Finanzamt Moabit-West.
Am 26. Juni 1940 wurde im Deutschen ReichsanzeigerAmtliches Presseorgan des Deutschen Reiches. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden dort unter anderem auch Ausbürgerungen und Vermögenseinziehungen publiziert. bekanntgegeben, dass Paul Jakob Eisner seine deutsche Staatsangehörigkeit aufgrund der Gesetze zur Aberkennung der Staatsangehörigkeit verlor. Das Finanzamt Moabit-West begann daraufhin mit der vollumfänglichen „Verwertung“„Verwertung“ bezeichnet alle Maßnahmen, die von der Reichsfinanzverwaltung ergriffen wurden, um geraubtes Vermögen der Staatskasse zuzuführen. des beschlagnahmtenDurch die Beschlagnahme von Vermögen wurde den Besitzer*innen vorerst die Verfügungsgewalt über dieses entzogen und unter staatliche Verwaltung gestellt. Vermögens. Am 4. März 1941 wurde das bei der Speditionsfirma Gustav Knauer gelagerte Umzugsgut zu den Versteigerungsräumen des Finanzamts Moabit-West am Kottbusser Ufer 39/40 gebracht. Dort nahm der Sachverständige Ludwig Schmidt-Bangel die Schätzung vor, bevor der Obersteuersekretär Paul Korge die Objekte versteigerte. Diese Versteigerung fand am 2. April 1941 statt. Sie umfasste 354 Positionen, darunter auch Kunstobjekte. Für jede Position fand sich ein*e Käufer*in.
Kunstwerke für Versteigerung bei Hans W. Lange
Wie in den zuvor gefertigten Schätzungsgutachten üblich, unterschrieb Schmidt-Bangel die formale Feststellung, „dass hochwertiges Kulturgut sowie wertvolle Kunstschätze nicht enthalten sind“. Hier aber ergänzte er mit einer handschriftlichen Notiz:
Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 25. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 71
Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 26. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 64
Schmidt-Bangel fertigte ein Sondergutachten für vier Gemälde von Hans Thoma, Oswald Achenbach, José Gallegos und Ludwig Adam Kunz an, deren Wert er auf insgesamt 37.500 RM schätzte.
Seine Entscheidung, die Gemälde als „hochwertiges Kulturgut“ einzuordnen, führte dazu, dass sie von der allgemeinen Versteigerung am Kottbusser Ufer ausgenommen wurden.
Die ausgenommenen Gemälde sowie hochwertige Möbel und ein Teppich waren zuvor, am 26. März 1941, durch die Speditionsfirma Fritz Roth vom Kottbusser Ufer in die Versteigerungsräume von Hans W. Lange transportiert worden. Lange schätzte die Objekte erneut.
Aufgrund eines Wertgutachtens waren also einige Gegenstände aus Paul Jakob Eisners Umzugsgut nicht in der allgemeinen Versteigerung gelandet, darunter vier Gemälde. Nur drei der vier Bilder kamen aber am 19. Mai 1941 im Auktionshaus Hans W. Lange unter den Hammer. Dies belegen sowohl eine von Hans W. Lange an das Finanzamt Moabit-West gesandte Auktionsabrechnung als auch der AuktionskatalogVerzeichnis mit detaillierten Informationen zu Objekten bzw. Konvoluten (Lose), die bei einer Auktion angeboten werden.. Bei dem Abgleich dieser beiden Quellen fällt jedoch auf, dass auf der Abrechnung von Hans W. Lange vom 20. Mai 1941 wiederum eine der LosnummernVerzeichnis mit detaillierten Informationen zu Objekten bzw. Konvoluten (Lose), die bei einer Auktion angeboten werden. fehlt.
„Gefilde der Seligen“ für die Reichskanzlei
Auf der Rechnung fehlt die LosnummerVerzeichnis mit detaillierten Informationen zu Objekten bzw. Konvoluten (Lose), die bei einer Auktion angeboten werden. 44, nämlich das Gemälde „Gefilde der Seligen“ von Hans Thoma. Die Akte, die beim Finanzamt Moabit-West zu Paul Jakob Eisner geführt wurde, gibt Aufschluss über den weiteren Verbleib des Bildes.

Das Gemälde wurde nicht durch Hans W. Lange versteigert, sondern weckte das Interesse der Reichskanzlei in Berlin. Dies vermerkte ein Mitarbeiter des Finanzamtes Moabit-West in einer Notiz. Darin heißt es: „Hans Lange teilt mit, daß die Adjutantur des Führers das Bild von Thoma zu erwerben wünscht u. bereits ausgehändigt erhalten hat.“ Wie man in der Reichskanzlei auf das Bild aufmerksam geworden war, dazu liegen keine historischen Quellen vor – nicht jedes Gespräch ist dokumentiert. Was wir wissen: Die Behörde teilte der Reichskanzlei am 27. Mai 1941 mit, dass das Bild von Thoma „Gefilde der Seeligen“ [sic] für 30.000 RM an diese überlassen werden würde. Die Einzahlung bei der Finanzkasse erfolgte am 13. Juni 1941 durch die Bank Delbrück Schickler & Co für die Reichskanzlei.
Thomas Gemälde taucht im weiteren Verlauf im Zusammenhang des „Sonderauftrag Linz“Adolf Hitlers Projekt zur Sammlung von Kunst für ein geplantes „Führermuseum“ in Linz. auf. Zwar ist es nicht offiziell im „Dresdner Katalog“Internes Verzeichnis des „Sonderauftrags Linz“, in dem Kunstwerke für das geplante „Führermuseum“ mit Fotos und Objektdaten dokumentiert wurden. registriert, in dem die für das geplante Museum in Linz erworbenen Werke zusammengestellt wurden. Doch die entsprechenden Rechnungsunterlagen sind noch vorhanden.
Nach dem Krieg nahm die Treuhandverwaltung von Kulturgut beim Auswärtigen AmtBundesdeutsche Verwaltungsstelle, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Central Collecting Points übernommenen Kunst‑ und Kulturgüter sicherte, inventarisierte und versuchte weitere Restitutionsschritte durchzuführen. (TVK) Thomas Werk auf eine alphabetisch geordnete Liste, den sogenannten Anhang zum „Dresdner Katalog“Internes Verzeichnis des „Sonderauftrags Linz“, in dem Kunstwerke für das geplante „Führermuseum“ mit Fotos und Objektdaten dokumentiert wurden., mit auf. Die Rechnungsdokumente hatten hierfür die Grundlage geliefert.
Das Kunstwerk selbst konnte nach dem Krieg nicht gefunden werden. Es gilt bis heute als verschollen.


Exkurs: Fotografien als wichtiger Nachweis für die ProvenienzIm Kontext der Kunstwissenschaft: Herkunft von Kunst- und Kulturgütern.
Fotografien aus dem Jahr 1913 zeigen die Schwester von Paul Jakob Eisner, Berta Sabersky geb. Eisner, als Braut mit ihrem Bräutigam Fritz Sabersky in der elterlichen Wohnung der Eisners in der Bellevuestraße 14 – und im Hintergrund an der Wand Hans Thomas Gemälde „Gefilde der Seligen“. Das Hochzeitsfoto vermittelt einen Eindruck von dem außerordentlich großen Format des Bildes. Paul Jakob Eisner erbte es vermutlich von seinen Eltern Heinrich und Olga Eisner.
Solche Fotografien, auf denen man Kunst- oder Kulturgut klar identifizieren kann, sind ein Glücksfall für die ProvenienzforschungDie Provenienzforschung (von lat. provenire: hervorkommen) untersucht die Herkunft von Objekten, deren Besitzwechsel und Wege..
Der Weg eines Gemäldes (Ludwig Adam Kunz – „Großes Stilleben“)
Noch ein weiteres Gemälde aus dem Besitz Paul Jakob Eisners gelangte in den Bestand des „Sonderauftrag Linz“Adolf Hitlers Projekt zur Sammlung von Kunst für ein geplantes „Führermuseum“ in Linz., wenn auch über einen anderen Weg. Das Stillleben von Ludwig Adam Kunz wurde am 19. Mai 1941 bei Hans W. Lange versteigert. Der AuktionskatalogVerzeichnis mit detaillierten Informationen zu Objekten bzw. Konvoluten (Lose), die bei einer Auktion angeboten werden. enthält eine relativ ausführliche Beschreibung des Bildes: „Großes Stilleben mit Früchten, Kupferschüsseln, einem toten Pfau, Langusten und erlegtem Reiher. Holz. H. 106 cm, Breite 167 cm.“ Das Werk erzielte 1.100 RM, die Hans W. Lange zusammen mit dem Rest des Versteigerungserlöses in die Finanzkasse einzahlte. Wer das Bild erworben hat, geht aus den vorhandenen Unterlagen Hans W. Langes nicht hervor.
Wie kam es also in den Bestand des „Sonderauftrag Linz“Adolf Hitlers Projekt zur Sammlung von Kunst für ein geplantes „Führermuseum“ in Linz.?
Weiteres zur Geschichte des Bildes nach 1945 erfährst du im Kapitel Verantwortung.




































