Story

Paul Jakob Eisner

1941 wurden Gegenstände von Paul Jakob Eisner zu den Versteigerungsräumen des Finanzamts Moabit-West am Kottbusser Ufer 39/40 gebracht, die zuvor bei der Speditionsfirma Gustav Knauer eingelagert gewesen waren. Zu diesem Zeitpunkt waren Eisner und seine Familie schon vor den Nationalsozialist*innen geflohen. Was war bis dahin geschehen? Und wie fanden zwei Gemälde aus Eisners Besitz Eingang in den „Sonderauftrag Linz“?

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Paul Jakob Eisner

Geboren:
30. Juni 1886 in Berlin
Gestorben:
29. Juli 1965 in Kreuzlingen, Schweiz
Letzter Wohnort:
Große Querallee 2, Berlin
Schwarzweißfotografie eines Mannes in Anzug und Krawatte auf einer Veranda. Er sitzt in legerer Haltung auf einem Stuhl und blickt in die Kamera. Hinter dem Mann sieht man Bäume und einen Tisch mit Besteck darauf.
Porträt von Paul Jakob Eisner, ca. 1925. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/69, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky
Nachkolorierte Fotografie von zwei Kindern in weißer Kleidung. Das Kind links ist älter als das Kind rechts. Beide schauen an der Kamera vorbei.
Paul und Rudolf Eisner, ca. 1889. Privatbesitz

Die Familie Eisner

Paul Jakob Eisner war der Sohn des Kommerzienrats Heinrich Eisner, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Miteigentümer der Albert-Hahn-Röhrenwalzwerke (Hahnsche Werke), und Olga Eisner geb. Tarlau.

Schwarzweißfotografie von zwei Menschen in eleganter Kleidung in einem Innenraum. Eine Frau sitzt und ein Mann steht daneben, beide blicken in die Kamera. Im Hintergrund ist verschwommen eine Inneneinrichtung zu sehen.
Porträt Heinrich Eisner mit seiner Frau Olga zur Silbernen Hochzeit, Atelier H. Kindler, Berlin, 1910. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/65, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky

Heinrich und Olga Eisner waren mit ihren Kindern im Tiergartenviertel ansässig und gehörten zu einer in der damaligen Zeit als kunstaffin bekannten Nachbarschaft. Dort wohnten beispielsweise auch das Schriftstellerehepaar Julie und Julius Elias, der Kunstsammler Oscar Huldschinsky und der Kunsthändler Paul Cassirer. Die Eisners lebten im Laufe der Zeit an verschiedenen Adressen im Viertel, so zum Beispiel in der Matthäikirchstraße. Bis zum Tod Olga Eisners im Jahre 1910 bewohnte die Familie eine großzügige Wohnung in der Bellevuestraße 14. Die Wohnung war mit wertvollem Mobiliar, Kunstobjekten und Teppichen eingerichtet. Beide Söhne der Eisners, Paul Jakob und Rudolf, stiegen in das Unternehmen der Hahnschen Werke ein. Paul Jakob Eisner arbeitete als Vorstandsmitglied und Generaldirektor der Hahnschen Werke Aktiengesellschaft. 1922 heiratete er Louise Odescalchi.

Aus der Luft aufgenommene Schwarzweißfotografie. Zentral zu sehen ist eine Straßenkreuzung mit Bäumen, auf der sehr viele Menschen und Autos unterwegs sind. Von dieser Kreuzung gehen sieben Straßen ab.
Luftaufnahme: Potsdamer Platz mit Potsdamer Straße und Bellevuestraße, Sommer 1919. Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin © HANSA Luftbild AG
Schwarzweißfotografie eines hochwertig ausgestatteten Salons. An der Wand hängen Gemälde mit goldenen Rahmen. Am linken Bildrand ist eine geöffnete Tür zu sehen, durch die man in den angrenzenden Raum sehen kann.
Salon der Wohnung in der Bellevuestraße 14, Berlin, ca. 1910. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/71, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky
Schwarzweißfotografie mit Blick durch eine geöffnete Flügeltür in ein Esszimmer. Durch die Tür schaut man auf einen Esstisch. An der Wand dahinter ist ein großer Wandteppich zu sehen.
Esszimmer und Wohnzimmer in der Bellevuestraße 14, Berlin, ca. 1910. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/73, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky
Vorderseite einer alten Postkarte mit drei Schwarzweißfotografien. Die zwei Abbildungen auf der linken Bildseite sind Nahaufnahme eines von Bäumen umgebenen Hauses. Das dritte Bild auf der rechten Bildseite zeigt einen See mit Bäumen. Darunter ist zu lesen: Alt-Stahnsdorf bei Kummersdorf, Kr. Storckow i. Mark. Neben dem Bild ist handschriftlich etwas geschrieben.
Rittergut Alt-Stahnsdorf auf einer Postkarte an Hilde Eisner in Bad Reichenhall, Alt-Stahnsdorf, 4. August 1921; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/589, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA
Schwarzweißfotografie eines Innenraums. In der Mitte des Bildes befindet sich eine geöffnete Tür, die den Blick in ein weiteres Zimmer freigibt. Dieses ist nur verschwommen zu erkennen. Die Wand des vorderen Raumes ist bemalt. Die Malerei zeigt einen See oder Teich, über dem Vögel fliegen.
Fresken von Emil Pottner im Gartenzimmer im Rittergut Alt-Stahnsdorf, ca. 1928 – 1929. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/114, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky

Die Eisners waren Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Berlin und veranstalteten regelmäßig auch Empfänge auf ihrem Rittergut Alt-Stahnsdorf, das ihnen seit 1906 gehörte. Den regelmäßigen Besuch von Bekannten und Freund*innen dort belegen zahlreiche Einträge in einem Gästebuch, wie etwa der des Malers Emil Pottner. Dieser gestaltete auch die Wände eines Raumes des Anwesens. Nach dem Tod Heinrich Eisners im Jahr 1918 übernahm seine Tochter Berta das Rittergut.

Vorderansicht eines Gästebuchs. Darauf steht in goldener Schrift: Alt-Stahnsdorf, 1906. Das Gästebuch ist dunkelgrün und hat Verzierungen mit Blumen und Schleifen.
Vorderansicht des Gästebuchs von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA
Die Abbildung gibt die erste Seite eines Gästebuchs wieder, auf der etwas in Handschrift geschrieben ist. Um den Text herum findet sich eine Buntstiftzeichnung, die rechts verschiedenfarbige Hühner, links Enten zeigt. Über dem Text ist ein weißes Haus gezeichnet, das von Bäumen und Sträuchern umgeben ist.

Erste Seite des Gästebuchs von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA

Handschriftliche Eintragung in einem Gästebuch

Eintrag Emil Pottners aus dem Jahr 1929 in das Gästebuch von Olga Eisner, Alt-Stahnsdorf, 1906 – 1938. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/443/107, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky. Digitalisierung gefördert durch das Vermächtnis der Familie Adler-Salomon, der Siemens AG, der Berthold Leibinger Stiftung und der Bertelsmann SE & Co. KGaA

Nicht weit von seinem Elternhaus entfernt wohnte Paul Jakob Eisner mit seiner Frau ab 1927 in der Großen Querallee 2. Dies war sein letzter Wohnsitz in Berlin. Die Neunzimmerwohnung lag im Erdgeschoss und war großzügig eingerichtet.

Schwarzweißfotografie eines Wohnhauses mit vier Stockwerken, dessen Fassade mit verschiedenen Elementen aufwendig gestaltet ist. Vor dem Haus ist ein Metallzaun zu sehen.
Wohnhäuser in der Großen Querallee des Tiergartens 1 u. 2. Berlin und seine Bauten, Ausgabe 1896, 2/3 Der Hochbau, S. 227
Bauzeichnung des Erdgeschosses mit neun Zimmern
Ausschnitt aus einer Bauzeichnung des Hauses Große Querallee 2 von 1886, hier das Erdgeschoss. Landesarchiv Berlin, B Rep. 202 Nr. 5105A

Jedes Möbel war ein Museumsstück! […] Die Zimmer waren zum Teil mit kostbaren Seidenstoffen bespannt. […] Das Badezimmer war ringsherum mit Spiegeln verkleidet. Kostbare Originale (Porträts und Gemälde) verschönerten die Räume. Die Zimmer waren durchweg mit schwerem Velours ausgelegt und darauf lagen die wertvollsten echten Teppiche. Einer davon ein Geschenk vom Internationalen Röhrenverband. […]

Eidesstattliche Versicherung von Caroline Langkammerer vom 28. Februar 1963. Sie war die Haushalts- und Kinderbetreuungshilfe für Heinrich und Olga Eisner. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08 Nr. 1954/51, Bl. 166

Verfolgung und Wirren der Flucht

Das Leben der Eisners änderte sich schlagartig, als die Nationalsozialist*innen 1933 an die Macht kamen – Paul Jakob Eisner sowie seine Geschwister wurden nun als jüdisch verfolgt.

1937 floh Paul Jakob Eisner nach Prag und von dort nach Wien. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland kehrte er nach Prag zurück. Im gleichen Jahr eignete sich der Mannesmann-Konzern im Zuge der „Arisierung“ das Unternehmen der Hahnschen Werke an. Dadurch wurden die Eisners aus dem Unternehmen getrieben. Zudem ließ sich Louise von Paul Jakob scheiden, wobei antisemitische und diskriminierende Motive eine Rolle spielten. Während sich Eisner geschäftlich in Paris aufhielt, wurde die Tschechoslowakei annektiert, sodass er nicht nach Prag zurückkehren konnte. In dieser Zwangslage entschied sich Eisner für eine Flucht nach Argentinien.

Auch Paul Jakob Eisners Geschwister mussten fliehen. Sein Bruder Rudolf Eisner emigrierte 1938 mit seiner Familie nach England, seine Schwester Berta Sabersky in die USA. Das Rittergut in Alt-Stahnsdorf musste das Ehepaar Sabersky schon im Jahr 1936 unter Zwang verkaufen.

„Verwertung“ von Umzugsgut

Die noch in Berlin befindlichen Einrichtungsgegenstände und persönlichen Dinge Paul Jakob Eisners wurden durch seine Sekretärin als Umzugsgut bei der Speditionsfirma Gustav Knauer in Berlin eingelagert. Im Dezember 1939 beschlagnahmte es dort die Gestapo Berlin und informierte das Finanzamt Moabit-West.

Am 26. Juni 1940 wurde im Deutschen Reichsanzeiger bekanntgegeben, dass Paul Jakob Eisner seine deutsche Staatsangehörigkeit aufgrund der Gesetze zur Aberkennung der Staatsangehörigkeit verlor. Das Finanzamt Moabit-West begann daraufhin mit der vollumfänglichen „Verwertung“ des beschlagnahmten Vermögens. Am 4. März 1941 wurde das bei der Speditionsfirma Gustav Knauer gelagerte Umzugsgut zu den Versteigerungsräumen des Finanzamts Moabit-West am Kottbusser Ufer 39/40 gebracht. Dort nahm der Sachverständige Ludwig Schmidt-Bangel die Schätzung vor, bevor der Obersteuersekretär Paul Korge die Objekte versteigerte. Diese Versteigerung fand am 2. April 1941 statt. Sie umfasste 354 Positionen, darunter auch Kunstobjekte. Für jede Position fand sich ein*e Käufer*in.

  • Vorgedruckter Lagerschein, maschinenschriftlich ausgefüllt, mit Stempeln und handschriftlichen Notizen

    Gustav Knauer Lagerschein ab April 1939. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 22

  • Maschinenschriftliches Dokument, das verschiedene Dinge auflistet wie Bankkonten, Einrichtungsgegenstände oder Firmenbeteiligungen

    Schreiben der Gestapo, 8. Dezember 1939. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 2

  • Maschinenschriftliches Dokument, das verschiedene Dinge auflistet wie Bankkonten, Einrichtungsgegenstände oder Firmenbeteiligungen

    Schreiben der Gestapo, 8. Dezember 1939. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 2v

  • Vorgedrucktes Formular, maschinenschriftlich ausgefüllt, mit einer handschriftlichen Notiz

    Ausbürgerungs-Bekanntmachung, 26. Juni 1940. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094, Bl. 16

  • Formular, handschriftlich ausgefüllt und mit verschiedenen Briefmarken beklebt; zudem sind Zeitungsausschnitte auf das Blatt geklebt worden

    Erste Seite der Versteigerungsniederschrift von Obersteuersekretär Paul Korge, Kottbusser Ufer 39/40, 2. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 75

    Kunstwerke für Versteigerung bei Hans W. Lange

    Wie in den zuvor gefertigten Schätzungsgutachten üblich, unterschrieb Schmidt-Bangel die formale Feststellung, „dass hochwertiges Kulturgut sowie wertvolle Kunstschätze nicht enthalten sind“. Hier aber ergänzte er mit einer handschriftlichen Notiz:

    Vorgedrucktes Formular, handschriftlich ausgefüllt und mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt

    Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 25. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 71

    Vorgedrucktes Formular, maschinenschriftlich ausgefüllt, mit handschriftlichen Ergänzungen

    Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 26. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 64

    • Versteigerungsniederschrift: maschinenschriftliche Liste von Objekten mit kleinen Hinweisen, handschriftlich notierte Namen der Käufer*innen
      Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Obersteuersekretär Paul Korge mit der Notiz, dass Objekte an Hans W. Lange übergeben wurden, Kottbusser Ufer 39/40, 2. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 53
    • Versteigerungsniederschrift: maschinenschriftliche Liste von Objekten mit kleinen Hinweisen, handschriftlich notierte Namen der Käufer*innen
      Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Obersteuersekretär Paul Korge, Kottbusser Ufer 39/40, 2. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/3, Bl. 53v

      Schmidt-Bangel fertigte ein Sondergutachten für vier Gemälde von Hans Thoma, Oswald Achenbach, José Gallegos und Ludwig Adam Kunz an, deren Wert er auf insgesamt 37.500 RM schätzte.

      Seine Entscheidung, die Gemälde als „hochwertiges Kulturgut“ einzuordnen, führte dazu, dass sie von der allgemeinen Versteigerung am Kottbusser Ufer ausgenommen wurden.

      Die ausgenommenen Gemälde sowie hochwertige Möbel und ein Teppich waren zuvor, am 26. März 1941, durch die Speditionsfirma Fritz Roth vom Kottbusser Ufer in die Versteigerungsräume von Hans W. Lange transportiert worden. Lange schätzte die Objekte erneut.

      • Maschinenschriftliche Auflistung von Objekten, unterschrieben und mit einem Stempel versehen
        Liste von Objekten, die an Hans W. Lange übergeben wurden, 26. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 694, Bl. 42
      • Auflistung von Objekten. Rechts in einer Spalte stehen jeweils Preise, bei denen es sich um die Schätzpreise handelt.
        Schätzung von Hans W. Lange, 26. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 694, Bl. 41

        Aufgrund eines Wertgutachtens waren also einige Gegenstände aus Paul Jakob Eisners Umzugsgut nicht in der allgemeinen Versteigerung gelandet, darunter vier Gemälde. Nur drei der vier Bilder kamen aber am 19. Mai 1941 im Auktionshaus Hans W. Lange unter den Hammer. Dies belegen sowohl eine von Hans W. Lange an das Finanzamt Moabit-West gesandte Auktionsabrechnung als auch der Auktionskatalog. Bei dem Abgleich dieser beiden Quellen fällt jedoch auf, dass auf der Abrechnung von Hans W. Lange vom 20. Mai 1941 wiederum eine der Losnummern fehlt.

        Abbildung einer Seite aus einem Auktionskatalog, auf der fünf Positionen aufgelistet sind
        Auszug aus dem Auktionskatalog von Hans W. Lange mit der Position 44. Aus: Hans W. Lange (Hg.): Gemälde alter und neuerer Meister: aus verschiedenem Besitz; Versteigerung am 19. Mai 1941 – Berlin, 1941, S. 16
        Dokument mit einer Abrechnung, bei der verschiedene Positionen und dahinter jeweils der Erlös notiert sind
        Auktionsabrechnung Hans W. Lange, 20. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 103

        „Gefilde der Seligen“ für die Reichskanzlei

        Auf der Rechnung fehlt die Losnummer 44, nämlich das Gemälde „Gefilde der Seligen“ von Hans Thoma. Die Akte, die beim Finanzamt Moabit-West zu Paul Jakob Eisner geführt wurde, gibt Aufschluss über den weiteren Verbleib des Bildes.

        Frontcover einer Zeitschrift: oben in Großbuchstaben das Wort „JUGEND“, darunter die farbige Abbildung eines Gemäldes mit Figuren an einem See mit einem Boot darauf, im Hintergrund Bäume
        Das Gemälde „Gefilde der Seligen“ von Hans Thoma auf dem Titelblatt der Zeitschrift Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben – 39.1934
        • Maschinenschriftliches Dokument mit handschriftlichen Ergänzungen
          Vermerk mit Verfügung für eine Antwort an die Reichskanzlei Berlin persönliche Adjutantur des Führers, 27. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 114
        • Vorgedrucktes Formular, handschriftlich ausgefüllt
          Einzahlungsbeleg über 30.000 RM Delbrück Schickler & Co, 13. Juni 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 8094/1, Bl. 162

          Das Gemälde wurde nicht durch Hans W. Lange versteigert, sondern weckte das Interesse der Reichskanzlei in Berlin. Dies vermerkte ein Mitarbeiter des Finanzamtes Moabit-West in einer Notiz. Darin heißt es: „Hans Lange teilt mit, daß die Adjutantur des Führers das Bild von Thoma zu erwerben wünscht u. bereits ausgehändigt erhalten hat.“ Wie man in der Reichskanzlei auf das Bild aufmerksam geworden war, dazu liegen keine historischen Quellen vor – nicht jedes Gespräch ist dokumentiert. Was wir wissen: Die Behörde teilte der Reichskanzlei am 27. Mai 1941 mit, dass das Bild von Thoma „Gefilde der Seeligen“ [sic] für 30.000 RM an diese überlassen werden würde. Die Einzahlung bei der Finanzkasse erfolgte am 13. Juni 1941 durch die Bank Delbrück Schickler & Co für die Reichskanzlei.

          Thomas Gemälde taucht im weiteren Verlauf im Zusammenhang des „Sonderauftrag Linz“ auf. Zwar ist es nicht offiziell im „Dresdner Katalog“ registriert, in dem die für das geplante Museum in Linz erworbenen Werke zusammengestellt wurden. Doch die entsprechenden Rechnungsunterlagen sind noch vorhanden.

          Nach dem Krieg nahm die Treuhandverwaltung von Kulturgut beim Auswärtigen Amt (TVK) Thomas Werk auf eine alphabetisch geordnete Liste, den sogenannten Anhang zum „Dresdner Katalog“, mit auf. Die Rechnungsdokumente hatten hierfür die Grundlage geliefert.

          Das Kunstwerk selbst konnte nach dem Krieg nicht gefunden werden. Es gilt bis heute als verschollen.

          Blatt mit Maschinenschrift, versehen mit handschriftlichen Notizen
          Inventar „Sonderauftrag Linz“, Anhang zum „Dresdner Katalog“, Eintrag zu Thomas Bild „Gefilde der Seligen“. BArch B 323/52, Bl. 430
          Fotografie eines Hochzeitspaares. Hinter den beiden hängt an der Wand ein großes Gemälde mit Goldrahmen.
          Hochzeitsfotografie von Berta und Fritz Sabersky in der Wohnung Bellevuestraße 14, Atelier Hänse Herrmann, Berlin, 2. Dezember 1913. Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/441/98-99, Schenkung von Carol und Sandra Sabersky, Töchter von Rolf H. Sabersky

          Exkurs: Fotografien als wichtiger Nachweis für die Provenienz

          Fotografien aus dem Jahr 1913 zeigen die Schwester von Paul Jakob Eisner, Berta Sabersky geb. Eisner, als Braut mit ihrem Bräutigam Fritz Sabersky in der elterlichen Wohnung der Eisners in der Bellevuestraße 14 – und im Hintergrund an der Wand Hans Thomas Gemälde „Gefilde der Seligen“. Das Hochzeitsfoto vermittelt einen Eindruck von dem außerordentlich großen Format des Bildes. Paul Jakob Eisner erbte es vermutlich von seinen Eltern Heinrich und Olga Eisner.

          Solche Fotografien, auf denen man Kunst- oder Kulturgut klar identifizieren kann, sind ein Glücksfall für die Provenienzforschung.

          Der Weg eines Gemäldes (Ludwig Adam Kunz – „Großes Stilleben“)

          Noch ein weiteres Gemälde aus dem Besitz Paul Jakob Eisners gelangte in den Bestand des „Sonderauftrag Linz“, wenn auch über einen anderen Weg. Das Stillleben von Ludwig Adam Kunz wurde am 19. Mai 1941 bei Hans W. Lange versteigert. Der Auktionskatalog enthält eine relativ ausführliche Beschreibung des Bildes: „Großes Stilleben mit Früchten, Kupferschüsseln, einem toten Pfau, Langusten und erlegtem Reiher. Holz. H. 106 cm, Breite 167 cm.“ Das Werk erzielte 1.100 RM, die Hans W. Lange zusammen mit dem Rest des Versteigerungserlöses in die Finanzkasse einzahlte. Wer das Bild erworben hat, geht aus den vorhandenen Unterlagen Hans W. Langes nicht hervor.

          Wie kam es also in den Bestand des „Sonderauftrag Linz“?

          Weiteres zur Geschichte des Bildes nach 1945 erfährst du im Kapitel Verantwortung.

          Abbildung einer Seite aus einem Versteigerungskatalog, auf der sechs Positionen aufgelistet sind
          Auszug aus dem Auktionskatalog von Hans W. Lange mit der Position 37. Hans W. Lange (Hg.): Gemälde alter und neuerer Meister: aus verschiedenem Besitz; Versteigerung am 19. Mai 1941 – Berlin, 1941, S. 15
          Story

          Hugo Loewy

          Der Kaufmann Hugo Loewy handelte mit Seidenbändern und führte mit seiner Familie ein bürgerliches Leben in Berlin. Durch die antisemitische Politik der Nationalsozialist*innen verlor er zuerst seine Fabrik, dann seine Wohnung und mit der Deportation seinen letzten Besitz und sein Leben. Die Kunstwerke, die Hugo Loewy besessen hatte, verschwanden in Privatbesitz. Mehr erfahren

          Hugo Loewy

          Geboren:
          20. März 1862 in Czarnikau/Posen (heute Czarnków, Polen)
          Gestorben:
          Ermordet 5. Dezember 1942 in Treblinka, (damals deutsch besetztes) Polen
          Letzter Wohnort:
          Kurfürstendamm 195, Berlin

          Seidenbandfabrikant in Kreuzberg

          Hugo Loewy wurde am 20. März 1862 in Czarnikau in Westpreußen (Czarnków) geboren. Im Jahr 1900 übernahm er eine Fabrik für Seidenbänder, die in der Kommandantenstraße 77 in Berlin-Kreuzberg ansässig war. Er belieferte unter anderem das Bestattungshaus Grieneisen regelmäßig mit Bändern.

          Hugo Loewy und seine Familie lebten in einer großzügigen Vierzimmerwohnung in der Pommerschen Straße 5. Die Wohnung in Berlin-Wilmersdorf war gediegen eingerichtet. Zudem besaßen die Loewys einige Ölgemälde.

          Nach dem Tod seiner Frau Louise 1930 und dem Auszug der Kinder Käthe und Fritz lebte Hugo Loewy allein in der Wohnung.

          Zu Loewy gibt es nur noch sehr wenige Spuren, die meisten finden sich in seiner OFP-Akte.

          Die Schwiegertochter erinnerte sich nach dem Krieg an Loewys Besitz:

          Rückseite einer Postkarte mit Vordruck einer Firma als Absender, maschinenschriftlich Empfänger eingefügt, mit Briefmarke und Poststempel
          Postkarte mit Adresse der Bandfabrik von Hugo Loewy, Poststempel vom 26. Mai 1928, verschickt an Fa. C. F. Sturm, Hertigswalderstr., Sebnitz. Privatbesitz

          Er hatte zwei oder sogar 3 wertvolle vollständige Porzellanservice für 24 Personen […]. In dem einen Zimmer war ein echter sehr großer Perserteppich […]. In einem anderen Zimmer (Herrenzimmer) hatte er seine Bibliothek, und sehr schöne Ledermöbel mit Sofa und Lehnstühlen, einer Perserbrücke vor dem Schreibtische und weiter eine andere Perserbrücke.

          Sylvia Loewy-Garai, Schwiegertochter, WGA-Verfahren, 6. November 1953. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08, Nr. 4119/51, Bl. 7
          Schwarzweißfotografie eines Treppenhauses mit Türen
          Eingangsbereich des Sammellagers Große Hamburger Straße 26. Durch dieses Treppenhaus mussten die Menschen eintreten. bpk-Fotoarchiv; Fotograf*in unbekannt

          Entrechtung, Verfolgung, Deportation

          Hugo Loewy verlor durch die antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen zunächst seine Bandfabrik, die 1937 liquidiert wurde. Ende Mai 1942 wurde er gezwungen, seine Wohnung in der Pommerschen Straße zu verlassen und in der „Jüdischen Pension“ von Else Isaac am Kurfürstendamm 195 ein teilmöbliertes Zimmer zu beziehen. Else Isaac selbst wurde ebenfalls als Jüdin verfolgt. Loewy nahm einige Dinge aus seiner alten Wohnung mit in die „Pension“, darunter einige Kunstwerke.

          Nur wenige Monate wohnte Loewy am Kurfürstendamm. Bereits am 31. August 1942 musste er sich nach Aufforderung der Geheimen Staatspolizei Berlin in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 begeben und eine Vermögenserklärung ausfüllen.

          Die wenigen Besitztümer, die Loewy mit in die „Pension“ genommen hatte, vermerkte er in der Vermögenserklärung mit Bleistift vorschriftsmäßig. Die Kunstwerke, die sich darunter befanden, fasste er als „7 div. Bilder“ zusammen.

          In der Vermögenserklärung hinterließ Hugo Loewy mit seiner Unterschrift sein letztes Lebenszeichen. Er führte in dem vorgedruckten Dokument neben seinem Namen auch den Zwangsnamen Israel auf.

          Hugo Loewys gesamtes Vermögen war bereits vor dem Ausfüllen der Vermögenserklärung am 1. August 1942, aufgrund der Einziehungsgesetze von 1933 von den Behörden eingezogen worden.

          Am 1. September 1942 erhielt Loewy im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 die Zustellungsurkunde für den Einzug seines Vermögens.

          • Vorgedrucktes Dokument, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt
            Erste Seite der Vermögenserklärung, handschriftlich ausgefüllt von Hugo Loewy. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 2
          • Vorgedrucktes Dokument, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt
            Seite der Vermögenserklärung, Angaben zu Kunstbesitz, handschriftlich ausgefüllt von Hugo Loewy. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 7
          • Vorgedrucktes Dokument, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt und unterschrieben
            Letzte Seite der Vermögenserklärung mit Unterschrift von Hugo Loewy. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 9v
            Vorgedruckte Karteikarte mit handschriftlichen Eintragungen und Stempeln

            Nachträglich ausgestellte Transportkarte nach Treblinka, 20. September 1942. Arolsen Archives, Ghetto Theresienstadt-Kartei, DocID: 5061748

            Nur einen Tag darauf, im Alter von 80 Jahren, wurde Hugo Loewy am 2. September 1942 in das „Altersghetto“ Theresienstadt verschleppt. Von dort aus deportierten ihn die Nationalsozialist*innen wenige Tage später in das Vernichtungslager Treblinka. Dort wurde er – wahrscheinlich direkt nach seiner Ankunft – ermordet.

            Tabellarischer Vordruck im Querformat: Transportliste. Hinter fortlaufenden Nummern sind maschinenschriftlich die Namen der Deportierten mit Geburtsdatum, Adresse und Beruf aufgeführt.
            Der Name Hugo Loewy unter der Nummer 54 auf der Liste der Gestapo. Transportlisten: „Alterstransporte“ 51–57 (I/53 – I/59) nach Theresienstadt, 718 gelistete Personen, 27. August 1942 – 5. September 1942, Arolsen Archives, DocID: 127205018

            Familie Loewy

            Fritz Loewy war neben seinem Vater Hugo Loewy Mitinhaber der Bandfabrik gewesen und floh mit seiner Frau Sylvia Loewy-Garai im August 1940 nach Oslo. Dort wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet. Sylvia Loewy-Garai war durch ihre US-amerikanische Staatsangehörigkeit weitestgehend geschützt. Sie wurde zwar kurzzeitig inhaftiert, überlebte jedoch die Haft und flüchtete nach Schweden. Auch Hugo Loewys Tochter Käthe Löwenstein war durch Flucht der Verfolgung entkommen: Sie hatte 1938 den Arzt Dr. Hans Löwenstein geheiratet und war mit ihm in die USA emigriert.

            Loewys Kunstbesitz in den Akten des OFP

            Mit dem Einzug von Hugo Loewys Vermögen, der Einrichtung seiner Wohnung und schließlich der in die „Pension“ mitgebrachten Dinge bemächtigte sich der NS-Staat seines gesamten Besitzes. Im Auftrag des Oberfinanzpräsidenten (OFP) verkaufte die Vermögensverwertungsstelle schließlich Teile des Besitzes zugunsten der Reichskasse. Das Übrige „verwertete“ das Hauptwirtschaftsamt.

            Vor der „Verwertung“ wurde der Besitz begutachtet und taxiert. Dabei traten zwei verschiedene Gutachter auf:

            Kurz nach Loewys Deportation begutachtete am 27. Oktober 1942 der Obergerichtsvollzieher Beck im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle den Inhalt von Loewys Zimmer in der „Pension“ und schätzte dessen Wert. Unter den Kunstwerken, die laut letzter Angabe von Loewy selbst sieben Bilder umfassten, hob Beck vier gesondert hervor. Er taxierte sie auf insgesamt 3.300 RM:

            Vordruck eines Formulars, handschriftlich mit Bleistift ausgefüllt, mit Stempel

            Schätzliste von Obergerichtsvollzieher Beck, 2. November 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 25

            Nachdem die Vermögensverwertungsstelle Kenntnis von wertvollem Kunstbesitz erhalten hatte, beauftragte sie einen Kunstsachverständigen mit einer weiteren Schätzung. Der beauftragte Sachverständige Ludwig Schmidt-Bangel nahm in seine Begutachtung der Gemälde lediglich die drei wertvollsten Bilder auf und gab leicht abweichende Titel an:

            Maschinenschriftliches Dokument mit Stempel und Unterschrift

            Gutachten von Ludwig Schmidt-Bangel, 5. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 27

            Die Gemälde von Skarbina und Pohle taxierte Schmidt-Bangel etwas geringer als Obergerichtsvollzieher Beck. Die Kopie eines Rembrandt-Gemäldes führte er gar nicht auf, möglicherweise sah er es als weniger wertvoll an. Insgesamt schätzte er den Wert der Bilder auf 2.750 RM und legte dieses Gutachten der Vermögensverwertungsstelle vor.

            Alle drei Künstler, die Beck und Schmidt-Bangel aufführten, waren an Akademien ausgebildet worden, ihre Werke hängen in verschiedenen Museen in Europa.

            Franz Skarbina

            Der Berliner Maler Franz Skarbina (1849 – 1910) schuf zahlreiche impressionistische Werke, die Szenen des Alltags und des städtischen Lebens zeigen. Mit dem Gemälde „Durchgang in der Fischergasse Berlin“ schuf er einen Einblick in die Fischerstraße im alten Stadtteil Cölln, wo seit dem Mittelalter das Fischereigewerbe ansässig war.

            Hermann Emil Pohle

            Das Œuvre des Malers Hermann Emil Pohle (1863 – 1914) umfasst insbesondere Historien- und Landschaftsmalerei, deren Stil wohl auch den „Einsamen Reiter“ prägt.

            Bertram Priestman

            In den Stil der romantisch-impressionistischen Landschaften lässt sich auch Bertram Priestmans (1868 – 1951) Werk einordnen. Vergleichbare Gemälde des Künstlers zeigen die „Schottische Landschaft“ in romantischer sowie flämischer Tradition.

            Verschwunden in Privatbesitz

            Auf der Grundlage von Schmidt-Bangels Gutachten entschied die Vermögensverwertungsstelle, zwei der Bilder durch einen direkten Verkauf zu „verwerten“. Es fand keine öffentliche Versteigerung statt.

            Eine Quittung vom 28. Dezember 1942 belegt den Verkauf des Gemäldes von H. E. Pohle, in den Gutachten bezeichnet als „Einsamer Reiter“ oder „Reiter in Landschaft“, zum höheren Taxat zzgl. Gebühr für insgesamt 561 RM an den SS-Obersturmführer Johannes Schertl. Dieser hatte bereits einen Teppich und eine offene Bibliothek aus Loewys Besitz erworben.

            Johannes Schertl nutzte seine privilegierte Position als SS-Obersturmführer, um vom staatlich geraubten jüdischen Besitz zu profitieren.

            • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Johannes Schertl; Vorderseite
              Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes Nr. 37 an Johannes Schertl SS-Obersturmführer, 28. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 30
            • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Johannes Schertl; Rückseite
              Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes Nr. 37 an Johannes Schertl SS-Obersturmführer, 28. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 30v
              • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Käthe Malzbender; Vorderseite
                Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes von Bertram Priestman an Wirtschaftsberater Ludwig Malzbender, 17. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 35
              • Kleinformatiges Dokument, Vordruck, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt, unterschrieben von Käthe Malzbender; Rückseite
                Beleg über den Verkauf des Ölgemäldes von Bertram Priestman an Wirtschaftsberater Ludwig Malzbender, 17. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 35v
              • Kleinformatiges Dokument, maschinengeschrieben, unterschrieben von Ludwig Malzbender
                Vollmacht ausgestellt von Ludwig Malzbender für seine Ehefrau Käthe Malzbender, 15. Dezember 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 36

                Das Gemälde „Schottische Landschaft“ / „Landschaft mit Flusslauf und bewaldetem Ufer“ kaufte Käthe Malzbender, Ehefrau des Wirtschaftsprüfers Ludwig Malzbender. Sie beglich den Preis von 1.800 RM mittels einer Vollmacht, die ihr ihr Ehemann ausgestellt hatte. Ludwig Malzbender stand in engem Kontakt mit der Vermögensverwertungsstelle. In deren Akten tritt er als Gutachter und Vermögensverwalter auf.

                Beide Gemälde gelangten also direkt in den privaten Besitz von Menschen, die unmittelbar durch das NS-System profitierten und darin Karriere machten. In ihrem Besitz verliert sich die Spur der Bilder bis heute. Ob sie weiterhin bei den Familien der Käufer*innen verblieben oder veräußert wurden, lässt sich auf der Grundlage der Akten der Vermögensverwertungsstelle nicht rekonstruieren.

                Der NS-Staat erzielte allein für den Verkauf der beiden Gemälde von Pohle und Priestman aus Loewys Besitz einen Erlös von 2.361 RM.

                Verlorene Spur der Bilder

                Zum Verbleib der Rembrandt-Kopie sowie des Gemäldes „Durchgang in der Fischergasse Berlin“ von Franz Skarbina gibt es in der Akte keine weiteren Hinweise. Für sie ist kein Verkauf belegt.

                Die beiden Bilder waren zunächst in der „Pension“ von Else Isaac verblieben. Nachdem Isaac ebenfalls deportiert worden war, wurde am 3. Februar 1943 der gesamte in ihren Räumen befindliche Hausrat als Konvolut durch das Hauptwirtschaftsamt geschätzt und verkauft. Darunter befanden sich laut Aufstellung auch Bilder. Weitere Informationen liegen dazu jedoch nicht vor und somit verliert sich die Spur der beiden Gemälde.

                Alle Kunstwerke, die Hugo Loewy auf der Grundlage von NS-Gesetzen entzogen wurden, gelangten über die Reichsfinanzverwaltung in Privatbesitz oder in den Einzelhandel. Im Zuge der Recherche nach den einzelnen Kunstwerken konnte zu keinem ein heutiger Standort in einer öffentlichen Einrichtung ermittelt werden. Teilweise sind die vorhandenen Informationen zu knapp und zu wenig aussagekräftig, um eine eindeutige Identifikation der Werke zu ermöglichen.

                Weiteres zur Geschichte der Familie Loewy nach dem Krieg erfährst du im Kapitel Verantwortung.

                Dokument im Querformat, handschriftlicher Vermerk mit Unterschrift und Datum
                Vermerk in Hugo Loewys Akte vom 15. Juli 1943, dass seine Einrichtungsgegenstände zusammen mit denen von Else Isaac geschätzt und veräußert wurden. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24446, Bl. 34v
                Story

                Fritz Kurt Lomnitz

                Fritz Kurt Lomnitz arbeitete im Vorstand einer Getreidegesellschaft. Er ließ 1933 für sich und seine Familie in Berlin-Grunewald eine Villa bauen, die er mit einigen Kunstwerken ausstattete. 1938 flohen Lomnitz und seine Frau vor der Verfolgung über New York nach Kuba. Eines der Kunstwerke aus dem Besitz der Familie Lomnitz tauchte in einem Berliner Museum wieder auf. Mehr erfahren
                Ausschnitt eines Dokuments: Unterschrift von Fritz Kurt Lomnitz

                Fritz Kurt Lomnitz

                Geboren:
                7. Januar 1890 in Breslau/Schlesien (heute Wrocław, Polen)
                Gestorben:
                Unbekannt
                Letzter Wohnort:
                Lassenstraße 1a, Berlin

                Im Getreidegeschäft

                Ausschnitt eines Dokuments: Unterschrift von Fritz Kurt Lomnitz
                Eigenhändige Unterschrift von Fritz Kurt Lomnitz aus dem Wiedergutmachungsverfahren, 1. Dezember 1953. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-05, Nr. 2128/50, Bl. 23

                Über das Leben von Fritz Kurt Lomnitz ist nur wenig bekannt. Am 7. Januar 1890 wurde er als Sohn von Henriette und Bruno Lomnitz in Breslau geboren und besuchte dort die Realschule. Er absolvierte eine Ausbildung zum Kaufmann im Bereich Getreide- und Futtermittelhandel. Mit Kriegsbeginn 1914 meldete Lomnitz sich zunächst als Freiwilliger im Funkbataillon. Es folgte eine militärische Laufbahn bis zur Tätigkeit für das Auswärtigen Amt. Für seinen militärischen Dienst wurde er nach eigenen Angaben mit drei Orden ausgezeichnet.

                Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Lomnitz sein 1912 begonnenes Arbeitsverhältnis im Getreide- und Bankunternehmen Gebr. Berlinicke & Ehrenhaus in der Linkstraße 11 in Berlin fort.

                Seine anschließende Position im Vorstand der M. Sperling Getreide-Aktiengesellschaft, die in der Burgstraße 26 in Berlin-Mitte ihre Geschäftsräume hatte, ermöglichte ihm und seiner Familie einen gehobenen Lebensstil.

                Im Januar 1916 ging Lomnitz eine Ehe mit Sophie Parthey ein, die eine Tochter mit in die Ehe brachte. Jedoch trennte sich das Paar und Lomnitz heiratete im Juni 1922 Gertrud Friedländer. Doch auch diese Ehe hielt nicht und Lomnitz heiratete in dritter Ehe Johanna Mückenbrunn.

                Ausschnitt aus einer Seite des Handelsregisters: Name und Kontaktdaten der Firma Sperling.
                Ausschnitt Berliner Handelsregister, Eintrag der Firma M. Sperling Getreide-Aktiengesellschaft. Berliner Handels-Register, Ausgabe 1930, 66. Jahrgang, S. 1002

                Villa im Grunewald

                Fritz Kurt Lomnitz ließ im Grunewald in der Lassenstraße 1a durch den Breslauer Architekten Edgar Hönig eine Villa errichten, in der er ab 1933 mit seiner Familie lebte. Das Gebäude umfasste acht Räume, darunter ein sogenanntes Herren- und Kaminzimmer, eine Bibliothek mit handgeschnitzten Türen und einen Blumenwintergarten umschlossen von Kristallglas.

                Jedes Bild, jede Bronce, die Beleuchtungskörper, waren ausgesuchte Kunstgegenstände.

                Fritz Kurt Lomnitz im WGA-Verfahren, 1. Dezember 1953. Landesarchiv Berlin, B, Rep. 025-05 Nr. 2128/50, Bl. 22
                Plan mit schwarzer Zeichnung eines Gebäudes in zwei Ansichten; handschriftliche Anmerkungen in Blau und Grün sowie Stempel
                Straßenansicht Villa Lassenstraße/Schwedlerstraße, 1954. Bauarchiv Charlottenburg-Wilmersdorf, Band 57, Nr. 1624, Bd. II, Bl. 6

                Möbel im Florentiner Stil und Barock, Seidenwandbespannung, Antiquitäten, Ölgemälde, Silber und Porzellan, Bronzeleuchter und Teppiche hatte Lomnitz sorgfältig für die Ausstattung ausgewählt. Auch technisch war das Haus auf dem neuesten Stand, unter anderem mit einem elektrischen Herd in der Küche und einer zentralen Warmwasserheizung.

                Großformatiger Plan mit schwarzer Zeichnung eines Gebäudes in verschiedenen Ansichten und Grundrissen; handschriftliche Anmerkungen in Blau und Grün sowie Stempel
                Architektenplan des Gebäudes Lassenstraße 1a, vor 1937 Siemensstraße 1, oben mittig die Unterschrift des Bauherren Lomnitz, mit Ansichten und Grundrissen, 1932. Bauarchiv Charlottenburg-Wilmersdorf, Band 57, Nr. 1624, Bd. I, Bl. 21

                Verfolgung und Flucht nach New York

                Mit dem Machtantritt der Nationalsozialist*innen wurde Fritz Kurt Lomnitz als jüdisch verfolgt. Zu der zunehmenden Entrechtung gehörte früh der Verlust seiner Arbeit: Im Jahr 1936 war er gezwungen, seine Firma zu verlassen. Seine Villa im Grunewald musste er aufgrund antisemitischer Gesetze verkaufen, sie ging 1940 an seine Stieftochter aus erster Ehe über. Im August 1938, noch bevor die Novemberpogrome viele Jüdinnen und Juden endgültig zur Emigration drängten, floh Fritz Kurt Lomnitz mit seiner dritten Ehefrau Johanna mit einem Besuchervisum in die USA. Von New York aus versuchte er sein Umzugsgut, das er in Berlin zurückgelassen hatte, über die Speditionen A. Schäfer und Willy Kulka in die USA transportieren zu lassen.

                Zu der geplanten Verschiffung des Umzugsgutes nach Übersee kam es jedoch nicht mehr.

                • Maschinengeschriebenes Dokument mit vorgedrucktem Briefkopf; handschriftliche Ergänzungen in verschiedenen Farben. Vorderseite
                  Mitteilung der Geheimen Staatspolizei an das Finanzamt Moabit-West über die beschlagnahmten Vermögenswerte, 5. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 2
                • Maschinengeschriebenes Dokument mit vorgedrucktem Briefkopf; handschriftliche Ergänzungen in verschiedenen Farben. Rückseite
                  Mitteilung der Geheimen Staatspolizei an das Finanzamt Moabit-West über die beschlagnahmten Vermögenswerte, 5. März 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 2v
                • Vorgedrucktes Dokument mit maschinenschriftlichen Eintragungen sowie Unterschrift und Stempel
                  Beglaubigte Abschrift der Verfügung über den Einzug des Vermögens, 24. November 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 34

                  Beschlagnahme des Umzugsguts

                  Die Geheime Staatspolizei beschlagnahmte am 5. März 1941 auf der Grundlage der Einziehungsgesetze von 1933 das bei den Speditionen lagernde Umzugsgut der Familie Lomnitz.

                  Anschließend ordnete das Finanzamt Moabit-West dessen Versteigerung an.

                  Am 24. November 1941 wurde der offizielle Einzug von Fritz Lomnitz’ Vermögen durch die Gestapo bekannt gegeben. Doch schon vorher hatte Lomnitz nicht mehr auf seine Vermögenswerte zugreifen oder deren „Verwertung“ durch das Finanzamt Moabit-West verhindern können.

                  Nur wenig später lieferten die Speditionen Willy Kulka und A. Schäfer mehrere Kisten mit Umzugsgut von Familie Lomnitz in die Westfälische Straße 85. Dort lagerten sie bis zur Versteigerung durch das Auktionshaus Union, Leo Spik.

                  Kleinformatiges vorgedrucktes Rechnungsdokument mit maschinenschriftlichen Eintragungen sowie handschriftlichen Ergänzungen und Stempel
                  An das Finanzamt Moabit-West adressiertes Rechnungsschreiben der Spedition A. Schäfer, 22. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 9
                  Vorgedrucktes Rechnungsdokument mit maschinenschriftlichen Eintragungen sowie handschriftlichen Ergänzungen
                  An das Finanzamt Moabit-West adressiertes Rechnungsschreiben der Spedition Willy Kulka, 18. April 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 8

                  Das Gutachten – eine handschriftliche Notiz als Hinweis

                  Bevor die Versteigerung des beweglichen Vermögens von Familie Lomnitz stattfand, erstellte der Sachverständige Bruno Ritter am 5. Mai 1941 in den Räumen des Versteigerungshauses ein Gutachten über die wertvollsten Objekte. Dabei taxierte er auch einige Gemälde.

                  Nicht bei allen Bildern konnte der Gutachter erkennen, wer sie gemalt hatte. Bei einigen las er offenbar nur die Signatur des Künstlers ab – und dies teilweise nicht sehr genau.

                  Wie in seinen Gutachten üblich, schloss Bruno Ritter mit der formalen Feststellung, „dass hochwertiges Kulturgut sowie wertvolle Kunstschätze nicht enthalten sind“. Damit waren auch die Gemälde zur Versteigerung freigegeben.

                  Vorgedrucktes Dokument mit maschinenschriftlichen Eintragungen sowie Unterschrift und Stempel

                  Gutachten von Bruno Ritter, 5. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 17

                  Versteigerung bei Leo Spik

                  Einen Tag nach der Begutachtung durch den Kunstsachverständigen Bruno Ritter, versteigerte Leo Spik, Inhaber des Auktionshauses Union in Berlin, am 6. Mai 1941 das gesamte Umzugsgut des Ehepaares Lomnitz.

                  Das Versteigerungsprotokoll enthält nur wenige detaillierte Informationen zu ca. hundert Losen. Auch die vorab taxierten Kunstwerke sind dort lediglich als „Ölbild“ aufgeführt. Durch die Übereinstimmung der Losnummern von Gutachten und Versteigerungsprotokoll können dennoch die Kunstwerke und Käufer*innen einander zugeordnet werden.

                  • Maschinenschriftliches Dokument mit Unterschrift und handschriftlicher Notiz
                    Schreiben des Auktionshauses Union an das Finanzamt Moabit-West, Herrn Moser, 14. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 12
                  • Maschinengeschriebenes Dokument, Liste, mit Stempel und handschriftlichen Ergänzungen
                    Abschrift der Versteigerungsniederschrift von Union, 6. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 13
                  • Maschinengeschriebenes Dokument, Liste, mit Stempel und handschriftlichen Ergänzungen
                    Abschrift der Versteigerungsniederschrift von Union, 6. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 14
                  • Maschinengeschriebenes Dokument, Liste, mit Stempel und handschriftlichen Ergänzungen
                    Abschrift der Versteigerungsniederschrift von Union, 6. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 15
                    Maschinengeschriebenes Dokument, Liste, mit Stempel und handschriftlichen Ergänzungen

                    Abschrift der Versteigerungsniederschrift von Union, 6. Mai 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 24496, Bl. 13

                    Insgesamt erzielte diese Versteigerung einen Erlös von 9.124 RM. Abzüglich der Gebühren von zehn Prozent für den Versteigerer Leo Spik wurden 7.940 RM an die Reichsfinanzkasse gezahlt. Auffallend ist, dass die Person „Ohloff“ mit Abstand die meisten Kunstwerke im Wert von insgesamt 735 RM erwarb.

                    Die einst so sorgfältig ausgewählte Sammlung von Möbeln, Kunstobjekten und weiteren Einrichtungsgegenständen von Familie Lomnitz war binnen weniger Stunden zerschlagen und an verschiedenste Privatpersonen verkauft worden.

                    Ob die Suche nach den Bildern erfolgreich war, erfährst du im Kapitel Verantwortung.

                    Story

                    Edith und Max Michaelis

                    Auf der ersten Seite der Akte, die bei der Vermögensverwertungsstelle zu dem Rechtsanwalt Max Michaelis und seiner Frau Edith geführt wurde, findet sich die Bleistiftnotiz „bevorzugt“. Was aus dem Eigentum der Eheleute Michaelis behandelten die Beamten der Vermögensverwertungsstelle hier „bevorzugt“ und warum? Mehr erfahren

                    Edith und Max Michaelis

                    Geboren:
                    Edith Michaelis: 9. August 1883 in Berlin, Max Michaelis: 8. Oktober 1885 in Berlin
                    Gestorben:
                    Deportiert nach Minsk/Maly Trostinec, festgestellter Todeszeitpunkt 1. Januar 1944
                    Letzter Wohnort:
                    Kurfürstendamm 185, Berlin
                    Schwarzweißfotografie einer Straße. Der Ausschnitt zeigt rechts eine Häuserreihe, links Autos der 1930er Jahre sowie einige Fußgänger
                    Kurfürstendamm mit Straßenverkehr, ca. 1930/1938. Bundesarchiv, B 145 Bild-P020119, Fotograf: A. Frankl
                    Schwarzweißfotografie eines eleganten Wohngebäudes mit vier Stockwerken. Es ist ein Eckhaus mit Geschäften im Erdgeschoss
                    Wohngebäude Kurfürstendamm 185, 1964. Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (01) Nr. 0263475

                    Das Ehepaar Max und Edith Michaelis

                    Das Ehepaar Max und Edith Michaelis lebte in einem 1902 – 1903 von dem Architekten Wilhelm Lopsch erbauten Haus am Kurfürstendamm 185 – eine gehobene Wohnlage im Berliner Westen. Ab April 1934 wohnten sie dort im Vorderhaus in der ersten Etage, der Beletage, in sieben Zimmern. Für Edith Michaelis geb. Neustadt war es die zweite Ehe. Sie hatte 1908 den Kaufmann Louis Ludwig Lewin geheiratet, der jedoch – zu einem heute unbekannten Zeitpunkt – starb. Die Heirat der Michaelis’ erfolgte im August 1927. Bevor das Ehepaar die Wohnung am Kurfürstendamm 185 bezog, hatte Max Michaelis in der Pariser Straße 30 – 31 und Edith Michaelis in der Steinacher Straße 1 in Berlin-Schöneberg gewohnt.

                    Eigentümer und Vermieter des Hauses am Kurfürstendamm war bis 1941 die Familie Berglas. Da die Familie als jüdisch verfolgt wurde, beschlagnahmte die Gestapo das Grundstück und es gelangte in den Besitz des Deutschen Reichs. 1943 arisierte der Berginspektor a. D. Heinrich Kellermann das Grundstück und somit auch das Haus.

                    Erste Seite der Vermögenserklärung von Max Michaelis vom 20. Juni 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 2

                    Ausschnitt eines Dokuments, Briefkopf
                    Briefkopf von Max Michaelis. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 142, Bl. 64
                    Ausschnitt eines vorgedruckten Formulars: Unterschrift
                    Unterschrift von Edith Michaelis auf der Vermögenserklärung vom 22. Juni 1942. Edith Michaelis musste mit dem Zwangsnamen "Sara" unterschreiben. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 17v

                    „Jüdischer Konsulent“

                    Max Michaelis war als Rechtsanwalt beim Kammergericht in Berlin zugelassen sowie als Notar tätig. Aber er und Edith Michaelis wurden ab 1933 vom NS-Staat als jüdisch verfolgt. Ab 1938 durfte Max Michaelis nur noch als „Konsulent“ tätig sein, was mit seiner vorherigen Berufsausübung nicht zu vergleichen war: Jüdischen Rechtsanwält*innen wurde die Zulassung entzogen und sie durften nur noch Jüdinnen*Juden beraten und vertreten. Außerdem mussten erhebliche Anteile des Honorars an die Reichsrechtsanwaltskammer geleistet werden. Verwaltet wurde dieses Geld von der extra eingerichteten Ausgleichsstelle.

                    Michaelis vertrat unter anderem auch Nachbar*innen aus dem Haus am Kurfürstendamm 185, darunter Jacob Intrator und seine Frau Rosa sowie Erich und Martha Kaufmann, die ebenfalls als jüdisch verfolgt wurden. Seine Büroräume hatte Max Michaelis ebenfalls in der Wohnung am Kurfürstendamm 185.

                    Briefkopf mit einem Namen, Telefonnummer und weiteren Daten

                    Briefkopf Max Michaelis. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 16496, Bl. 62

                    Deportiert und beraubt

                    Die Deportation der Eheleute Michaelis aus Berlin erfolgte am 24. Juni 1942 mit dem 16. „Osttransport“ nach Minsk/Maly Trostinec. Auf der gleichen Deportationsliste befanden sich über fünfzig teils leitende Mitarbeitende der „Reichsvereinigung der Juden“.

                    Nach der Ankunft des Deportationszuges ermordeten Angehörige der Waffen-SS und der Schutzpolizei eine Mehrheit der Deportierten in einem Wald bei Maly Trostinec rund 12 km südöstlich von Minsk. Ob sich die Eheleute Michaelis darunter befanden, ist bis heute nicht geklärt.

                    Abbildung eines Dokuments im Querformat: tabellarischer Vordruck Transportliste. Hinter laufenden Nummern sind dort maschinenschriftlich die Namen der Deportierten mit Angaben zu Namen, Geburtsdatum, Adresse und Beruf aufgeführt.
                    Transportliste der Geheimen Staatspolizei Berlin. Das Ehepaar Michaelis taucht unter den Nummern 186 und 187 auf. Arolsen Archives, Transportliste: 16. „Osttransport“ nach Minsk/Maly Trostinec, 24. Juni 1942, DocID: 127187918

                    Vor ihrer Deportation mussten Edith und Max Michaelis die sechzehnseitige Vermögenserklärung ausfüllen. Die handschriftlich ausgefüllte Erklärung ist die letzte Spur der Eheleute. Max Michaelis’ Vermögenserklärung ist auf den 20. Juni 1942 datiert, die von Edith Michaelis auf den 22. Juni 1942. In dem Abschnitt zu Wohnungsinventar und Einrichtungsgegenständen wurden von den Eheleuten Michaelis keine Angaben gemacht, die entsprechenden Zeilen sind bei Max Michaelis zusätzlich mit Fragezeichen versehen.

                    Vorgedrucktes Formular, handschriftlich ausgefüllt und unterschrieben
                    Letzte Seite der Vermögenserklärung von Max Michaelis mit handschriftlicher Notiz „Soweit ich im Augenblick dazu in der Lage bin“, 20. Juni 1942. BLHA, 36A (II) Nr. 26893, Bl. 9v

                    Mit der Deportation von Max Michaelis wurden seine juristischen Fälle im Juli 1942 an Dr. Bruno Apt übertragen. Dieser war ebenfalls als „Konsulent“ zugelassen.

                    Einer formalen Benachrichtigung oder Einziehungsverfügung an die Eheleute Michaelis durch die Nationalsozialist*innen bedurfte es nicht mehr. Da die Deportation ins Ausland erfolgte, griff automatisch die Elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz.

                    Maschinenschriftliches Dokument mit Namen und Lebensdaten, ergänzt mit handschriftlichen Notizen
                    Erste Seite der Akte zu Max Michaelis bei der Vermögensverwertungsstelle. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 1

                    Die „bevorzugte“ „Verwertung“

                    Mit dem Eingang der Vermögenserklärungen der Eheleute Michaelis bei der Vermögensverwertungsstelle begannen die Finanzbeamten ihre Arbeit. Sie legten eine Akte zu ihnen an, in der sie die „Vermögensverwertung“ dokumentierten. Auf der ersten Seite der Akte – einer Art Überblicksblatt für die Behördenmitarbeiter – findet sich neben Namen und Adresse der Verfolgten die handschriftliche Notiz „bevorzugt“. Wieso sollte die „Verwertung“ des Vermögens der Michaelis’ eine „bevorzugte“ sein?

                    Aufschluss über die Hintergründe, weshalb Wohnung und Einrichtung der Eheleute Michaelis besonders behandelt werden sollten, gibt ein Schreiben der Kontinentalen Öl Aktiengesellschaft an den Oberfinanzpräsidenten vom 11. Juli 1942:

                    Maschinengeschriebenes Dokument mit handschriftlichen Notizen
                    Schreiben der Kontinentalen Öl Aktiengesellschaft an den Oberfinanzpräsidenten, 11. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 44

                    Die Wohnung, in der Max und Edith Michaelis gewohnt hatten, war für die Nutzung durch die Kontinentale Öl Aktiengesellschaft vorgesehen. Das Unternehmen gab an, die Räume für die Durchführung einer von Generalfeldmarschall und Reichswirtschaftsminister Hermann Göring übertragenen Aufgabe zu benötigen. Göring hatte angeordnet, dass die Kontinentale Öl Aktiengesellschaft Erdölvorkommen, Förderanlagen und Erdölunternehmen in den vom Deutschen Reich besetzten oder beeinflussten Gebieten sichern, verwalten und wirtschaftlich ausbeuten sowie die kriegswichtige Treibstoffversorgung sicherstellen sollte. Vermutlich sollte die Wohnung als Büroräumlichkeit dienen.

                    Schon am 2. Juli 1942, etwa eine Woche nach der Deportation der Michaelis’, begann die Vermögensverwertungsstelle daher damit, die Wohnungseinrichtung Stück für Stück zu „verwerten“. Die Behörde veräußerte den Besitz der Eheleute direkt aus der Wohnung am Kurfürstendamm 185.

                    Begutachtung durch einen Versteigerer

                    Für einen bestimmten Teil der Einrichtung fand vor ihrer „Verwertung“ eine Schätzung durch den Inhaber des Kunstversteigerungshauses Union, Leo Spik statt. In zwei Gutachten taxierte er insgesamt 65 Objekte.

                    Maschinenschriftliche Auflistung von Objekten; oben links ein Briefkopf in roter Schrift

                    Schätzliste Leo Spik, 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 30

                    • Maschinenschriftliche Auflistung von Objekten, unterschrieben; oben links ein Briefkopf in roter Schrift
                      Schätzliste Leo Spik, 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 25
                    • Maschinenschriftliche Auflistung von Objekten; oben links ein Briefkopf in roter Schrift
                      Schätzliste Leo Spik, 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 31
                    • Maschinenschriftliche Auflistung von Objekten, unterschrieben; oben links ein Briefkopf in roter Schrift
                      Schätzliste Leo Spik, 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 32

                      Erwerber*innen „Überreiter“ und „Kornfeld“

                      Die Einrichtungsgegenstände aus der Wohnung am Kurfürstendamm 185 wurden im weiteren Verlauf in mehreren Konvoluten bei Freihandverkäufen veräußert.

                      Bei der Recherche zu den Käufer*innen, die von dem Vermögensraub der Eheleute Michaelis profitierten, stechen vor allem zwei hervor, die die von Leo Spik gesondert geschätzten Gegenstände erwarben.

                      Am 4. Juli 1942 verkaufte die Vermögensverwertungsstelle einer Person namens Gottfried Kornfeld, wohnhaft Flensburger Straße 20, elf Objekte zum Taxpreis von 1.241 RM. Darunter befanden sich Mobiliar, Gebrauchsgegenstände und gerahmte Drucke. Die weiteren gesondert begutachteten 54 Objekte erwarb zwei Tage später eine Sophie Überreiter, wohnhaft Pariser Straße 55, für insgesamt 13.231 RM. Damit erhielt sie den größten Teil der Wohnungseinrichtung der Michaelis’, darunter auch mehrere Kunstwerke.

                      • Vorgedrucktes Dokument, Querformat, handschriftlich ausgefüllt
                        Beleg Freihandverkauf an Gottfried Kornfeld, 4. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 24
                      • Vorgedrucktes Dokument, Querformat, handschriftlich ausgefüllt
                        Beleg Freihandverkauf an Gottfried Kornfeld, 4. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 24v
                      • Vorgedrucktes Dokument, Querformat, handschriftlich ausgefüllt
                        Beleg Freihandverkauf an Sophie Überreiter, 6. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 29
                      • Vorgedrucktes Dokument, Querformat, handschriftlich ausgefüllt
                        Beleg Freihandverkauf an Sophie Überreiter, 6. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 29v
                        Vorgedrucktes Formular, handschriftlich ausgefüllt

                        Einzahlungsbeleg, 8. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 35

                        Die weiteren Dokumente in der Akte zu diesen beiden Käufen werfen Fragen auf: Die Einzahlungsbelege in der Akte bei der Vermögensverwertungsstellen zeigen, dass der Gesamtbetrag beider Freihandverkäufe von insgesamt 14.472 RM als eine Summe an die Oberfinanzkasse eingezahlt wurde, obwohl die Käufe einzeln erfolgten.

                        In welchem Verhältnis standen diese Käufer*innen zueinander? Wer war Sophie Überreiter, die ein großes Konvolut an Einrichtungsgegenständen mit einigen Kunstobjekten kaufte und somit in großem Maß von der Beraubung der Michaelis’ profitierte? Und wer war Gottfried Kornfeld? Antworten auf diese Fragen lassen sich in der Akte der Vermögensverwertungsstelle nicht finden.

                        „Verwertung“ einer Bibliothek

                        Die Speditionsfirma Willy Kulka lieferte – dies belegt ein Lieferschein – außerdem am 6. Juli 1942 eine große Menge Bücher vom Kurfürstendamm 185 zur Vermögensverwertungsstelle. Dort schätzte der auf Bücher spezialisierte Sachverständige Max Niederlechner ihren Wert auf 2.200 RM und schlug einen Käufer vor: den Antiquar Gustav Schmidt in Berlin-Halensee.

                        In der Bibliothek der Michaelis’ befand sich sowohl juristische als auch klassische Literatur. Das zeigt eine Auflistung, die der Sachverständige an die Vermögensverwertungsstelle übersandte. Sie enthält diejenigen Werke, die er als nicht „minderwertig“ einstufte. Gustav Schmidt kaufte die Bücher und erhielt sie am 23. Juli 1942.

                        • Maschinenschriftliches Dokument mit einer Auflistung von Buchtiteln; Stempel
                          Auflistung des Sachverständigen Max Niederlechner, 21. Juli 1942. BLHA , Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 47
                        • Maschinenschriftliches Dokument mit einer Auflistung von Buchtiteln
                          Auflistung des Sachverständigen Max Niederlechner, 21. Juli 1942. BLHA , Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 47v
                          Maschinenschriftliches Dokument, handschriftlich ausgefüllt
                          Quittung Übergabe Bibliothek an Gustav Schmidt, 23. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 26893, Bl. 49

                          „Verwertung“ einer Wohnungseinrichtung

                          Weitere Einrichtungsgegenstände aus der Wohnung am Kurfürstendamm 185, die nicht Teil des gesonderten Gutachtens von Leo Spik waren, wurden ebenfalls in Form von Freihandverkäufen veräußert.

                          Dabei gingen Mobiliar und Gegenstände des täglichen Bedarfs an unterschiedliche Personen, etwa einen Dolmetscher namens Rudolf F. Gross vom Auswärtigen Amt im Referat Sprachendienst oder einen Leutnant Buck. Auch der Hauswart des Hauses Kurfürstendamm 185, Fritz Schaletzke, profitierte, indem er die Kücheneinrichtung der Michaelis’ erwarb. Was von der Einrichtung übriggeblieben war, wurde am 27. Juli 1942 an den Einzelhändler der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel Karl Gentsch für 352 RM verkauft.

                          Wo sind die Objekte?

                          Der Verkauf der gesamten Wohnungseinrichtung war im August 1942 abgeschlossen, also nur zwei Monate nach der Deportation der Eheleute Michaelis. Die „bevorzugte“ „Verwertung“ durch die Vermögensverwertungsstelle wurde also schnellstmöglich durchgeführt, damit die Kontinentale Öl Aktiengesellschaft die Räume beziehen konnte.

                          Die Gegenstände aus der Wohnung am Kurfürstendamm 185 landeten mit ihrem Verkauf durch die Nationalsozialist*innen in Privatbesitz, der weitere Verbleib ist bis dato nicht geklärt. Es ist nicht auszuschließen, dass vor allem die Kunstobjekte über andere Wege doch noch Einzug in öffentliche Sammlungen gefunden haben. Sie zu finden gestaltet sich jedoch als schwierig, da die Akten nur wenige Informationen zu den Werken enthalten und beispielsweise auch die Vornamen der Künstler*innen nicht genannt sind.

                          Die Akte der Vermögensverwertungsstelle bietet außerdem kaum Einblick in die Biografien der Eheleute Michaelis, sodass sich aus ihr nahezu kein Bild von ihnen rekonstruieren lässt. Weitere Recherchen in den Akten der Rückerstattungs- und Entschädigungsverfahren, die von Nachfahr*innen beantragt wurden, waren daher unerlässlich.

                          Erfahre mehr über die weitere Geschichte nach 1945 im Kapitel Verantwortung.

                          Story

                          Recha Storck

                          Die Direktrice und Witwe eines Künstlers Recha Storck lebte bis zu ihrer Deportation 1943 in einem Villenviertel in Berlin-Nikolassee. Zu ihrem letzten Hab und Gut, das ihr mit der Deportation geraubt wurde, zählten auch Gemälde ihres Ehemannes Adolf Eduard Storck. Mehr erfahren
                          Unterschrift von Recha Storck

                          Recha Storck

                          Geboren:
                          17. Oktober 1872 in Wien
                          Gestorben:
                          Deportiert nach Auschwitz, festgestellter Todeszeitpunkt 30. April 1944
                          Letzter Wohnort:
                          Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44, Berlin

                          Fragmente einer Biografie

                          Nur wenige Spuren erzählen heute vom Leben von Recha Storck, genannt Carola, vor der Verfolgung im Nationalsozialismus.

                          Am 17. Oktober 1872 kam Recha als Tochter von Dr. Siegmund und Eva Liebreich in Wien zur Welt.

                          Sie lebte spätestens seit 1898 in Berlin, zuerst in der Schlüterstraße 63 und später in der Nürnberger Straße 5 in Charlottenburg. Beide Adressen lagen in vornehmen Wohnvierteln der Zeit, die von repräsentativen Mietshäusern geprägt waren.

                          Als Beruf ist im Berliner Adressbuch von 1908 „Direktrice“ vermerkt, was eine leitende Position in der Modebranche mit technischer und kreativer Verantwortung bezeichnete.

                          Im April des gleichen Jahres heiratete Recha Liebreich in Berlin-Charlottenburg den achtzehn Jahre älteren Maler Adolf Eduard Storck. Der gebürtige Bremer zählte zu den Vertretern der Düsseldorfer Schule und schuf vor allem Landschaftsgemälde. Die Ehe blieb kinderlos.

                          Freigestellte Unterschrift
                          Die letzte Unterschrift von Recha Storck.
                          BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 9R
                          Vorgedruckter Heiratsregistereintrag, handschriftlich ausgefüllt
                          Heiratsregistereintrag Nr. 273 von Recha Liebreich und Adolf Eduard Storck, 22. April 1908. Landesarchiv Berlin, P Rep. 551, Nr. 51

                          Die Villa Storck

                          Wenige Tage nach ihrer Hochzeit beauftragten die Eheleute Storck den Neubau einer Villa in der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44 in Berlin-Nikolassee. Bereits ein Jahr später bezogen sie das Haus.

                          Die Lage und Größe des Hauses deuten darauf hin, dass die Eheleute Storck finanziell gut situiert waren: Im Erdgeschoss befanden sich repräsentative Räume wie Speisezimmer, Wohnzimmer, Salon und Herrenzimmer, im Obergeschoss hatte Adolf Eduard Storck ein Atelier für seine Arbeit als Maler.

                          Architekturzeichnung mit mehreren Fassadenansichten eines Gebäudes: Vorderansicht, Seitenansichten und Rückansicht
                          Zeichnungen zum Neubau eines Landhauses für Herrn Adolf Ed. Storck Villa, 1908. Bauaktenarchiv Steglitz-Zehlendorf, Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44, Band 1

                          Verarmt als Witwe

                          Im Jahr 1913 verstarb Adolf Eduard Storck. Sein Vermögen ging nach seinem letzten Willen an seine Schwester in Bremen. Für seine Ehefrau Recha Storck verfügte er eine jährliche Rente von 20.000 Mark sowie das lebenslange Wohnrecht in der gemeinsamen Villa.

                          Doch die Hyperinflation 1923 vernichtete dieses Erbe – es war in Staatsanleihen angelegt, die über Nacht wertlos wurden. Recha Storck einziges stabiles Einkommen brach plötzlich weg.

                          Ich war früher finanziell gut gestellt und bin ein Opfer der Geldentwertung.

                          Recha Storck an das Finanzamt Groß-Lichterfelde,
                          26. Dezember 1924
                          Maschinenschriftliches Dokument im Hochformat
                          Brief von Recha Storck an ihre Nichte Mathilde Scheurembrandt in Wien, 13. Juli 1932. LAB, B Rep. 108 Nr. 5385, Bl. 19

                          Aus gesundheitlichen Gründen war es der damals 51-Jährigen nicht möglich, einer Arbeit nachzugehen.

                          Nach und nach begann sie, Räume der Villa zu vermieten und ihren Schmuck zu verkaufen. Zudem erhielt sie Unterstützung von Verwandten.

                          1932 verpfändete Recha Storck ihren verbliebenen Besitz an ihre Nichte in Wien, die ihr in dieser Zeit Geld sendete.

                          Verfolgung und Deportation

                          Während der Zeit des Nationalsozialismus verschlechterten sich die Lebensumstände von Recha Storck zudem dramatisch, denn sie wurde als Jüdin verfolgt.

                          1938 sollte sie die Judenvermögensabgabe leisten. Da sie kein Vermögen mehr besaß und ihre nichtjüdischen Verwandten dafür hätten aufkommen müssen, erließ das Reichsfinanzministerium ihr die Zwangsabgabe.

                          Fünf Jahre später, am 10. September 1943, wurde die siebzigjährige Recha Storck zusammen mit 62 weiteren Personen aus Berlin mit dem 96. „Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert.

                          Tabellarischer Vordruck im Querformat: Transportliste. Hinter laufenden Nummern sind maschinenschriftlich die Namen der Deportierten mit Geburtsdatum, Adresse und Beruf aufgeführt.
                          Der Name Recha Storck unter der Nummer 55 auf der Liste der Gestapo. Transportlisten: „Alterstransporte“ (I/101) nach Theresienstadt, 63 gelistete Personen, 10. September 1943, Arolsen Archives, DocID: 1272131

                          Nach knapp einem halben Jahr im Ghetto Theresienstadt verschleppten die Nationalsozialist*innen Recha Storck weiter „na vychod“ (tschechisch: in den Osten), wie eine Karteikarte belegt. Die roten Buchstaben „DZ“ stehen für das Vernichtungslager Auschwitz.

                          Die Spur von Recha Storck verliert sich nach dem Transport. Vermutlich wurde sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.

                          Vorgedruckte Karteikarte mit handschriftlichen Eintragungen und Stempeln
                          Nachträglich ausgestellte Transportkarte nach Auschwitz, 15. Mai 1944. Arolsen Archives, Ghetto Theresienstadt-Kartei, DocID: 5100524

                          Beraubt vor der Ermordung

                          Drei Tage vor ihrer Deportation musste Recha Storck im Sammellager Große Hamburger Straße unter Druck eine Vermögenserklärung ausfüllen. Mit Bleistift machte sie die nötigsten Angaben in dem sechzehnseitigen Vordruck.

                          Auf der ersten Seite der Vermögenserklärung finden sich kurze Angaben zu ihrer Person und den Wohnverhältnissen: Recha Storck bewohnte zu dem Zeitpunkt vier Zimmer und eine Küche in der Villa in Berlin-Nikolassee.

                          Als Einrichtungsgegenstände gab sie lediglich „Div. Einzelmöbel“ an und ließ viele Punkte offen. Die Unterschrift am Ende der Vermögenserklärung ist das letzte von Recha Storck persönlich hinterlassene Lebenszeichen.

                          Mit der Abgabe der Vermögenserklärung bekam Recha Storck noch vor Ort die Verfügung der Geheimen Staatspolizei ausgehändigt, die besagte, dass ihr Vermögen „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“ wurde.

                          Zur rechtliche Scheinlegitimation für diesen Raub wurden die Einziehungsgesetze herangezogen.

                          • Vordruck Vermögenserklärung, sporadisch mit Bleistift ausgefüllt
                            Erste Seite der Vermögenserklärung von Recha Storck, 7. September 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 2
                          • Vordruck Vermögenserklärung, auf dem diverse mobile Gegenstände aufgezählt sind, für die der Wert anzugeben ist. Es ist jedoch fast nichts ausgefüllt, die vorgedruckten Worte vielmehr mit Bleistift durchgestrichen, bis auf die kurze Angabe „Div. Einzelmöbel“.
                            Vermögenserklärung von Storck, Eintrag „Div. Einzelmöbel“, 7. September 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 5v
                          • Vordruck Vermögenserklärung, letzte Seite, unterschrieben und mit Ort und Datum versehen
                            Letzte Seite der Vermögenserklärung mit Recha Storcks Unterschrift, 7. September 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 9v

                            „Div. Einzelmöbel“

                            Von Wäsche über Hausrat bis zu Kunstwerken

                            Mit dem Eingang der ausgefüllten Vermögenserklärung begann die Arbeit der Vermögensverwertungsstelle, um alle zurückgebliebenen Besitztümer von Recha Storck schnellstmöglich zu Geld zu machen.

                            Die Vermögenserklärungen dienten den Mitarbeitenden der Behörde dabei generell als erster Überblick über den Besitz der Betroffenen. Im Fall von Recha Storck lieferte die allgemeine Angabe „Div. Einzelmöbel“ jedoch keinen genauen Einblick in Art und Umfang ihres zurückgelassenen Besitzes.

                            Um die Einrichtungsgegenstände zu erfassen und ihren Wert festzulegen, besuchte am 22. Oktober 1943 der Obergerichtsvollzieher Hoffmann im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle die Villa in der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 44. Auf dem Formular „Inventar und Bewertung“ dokumentierte er akribisch das letzte Hab und Gut von Recha Storck.

                            Vordruck Inventarliste, maschinenschriftlich ausgefüllt

                            Die erste Seite des Vordrucks „Inventar und Bewertung“. Unter den Positionen 1–17 sind maschinenschriftlich Recha Storcks Besitztümer eingetragen, 22. Oktober 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 22

                            Den letzten mobilen Besitz von Storck bewertete der Obergerichtsvollzieher Hoffmann mit insgesamt 14.157 RM. Nicht taxiert hat er die Positionen 101 und 143 (je einen „Posten Bücher“) sowie die Position 144 (einen „Blüthner-Flügel“).

                            Ab der Position 145 ändert sich der Detailgrad des Gutachtens: In der Diele, dem Speisezimmer und dem Keller fanden sich neben Gebrauchsgegenständen auch einige Grafiken, Gemälde und Antiquitäten. Die Schätzung dieser Objekte begleitete zusätzlich Paul Theodor Geyer, der Inhaber der Antiquitätenhandlung Peri-Ming, als Fachmann.

                            Ausschnitt aus einem Papierdokument, Maschinenschrift
                            Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit einem Gemälde von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 29
                            Ausschnitt aus einem Papierdokument, Maschinenschrift.
                            Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit einem Gemälde von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 30v

                            Unter den von den Gutachtern taxierten Kunstwerken befanden sich auch fünf Ölgemälde von Storcks verstorbenem Ehemann Adolf Eduard Storck mit Stadt- und Landschaftsdarstellungen.

                            Drei Tage später wurden nachträglich neun weitere Positionen begutachtet, die sich in einem an Vera Neumeister untervermieteten Zimmer befanden, darunter ebenfalls ein Gemälde von Adolf Eduard Storck.

                            Ausschnitt von einem Papierdokument, Maschinenschrift.
                            Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit drei Gemälden von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 31
                            Ausschnitt von einem Papierdokument, Maschinenschrift.
                            Auszug aus dem Vordruck „Inventar und Bewertung“ mit einem Gemälde von Adolf Storck, BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 32

                            Interesse eines „Bombengeschädigten“

                            Die NS-Finanzverwaltung setzte alles daran, den ehemaligen Besitz von Recha Storck möglichst schnell zu veräußern und die von ihr bewohnten Räume der Villa bezugsfertig zu machen.

                            Mitte Oktober 1943, knapp einen Monat nach Recha Storcks Deportation, hatten sich bereits Nachmieter*innen für diesen Wohnbereich gefunden: der Ministerialrat Dr. Walter Conrad und seine Familie.

                            Das Hauptplanungsamt der Stadt Berlin hatte den Conrads als "Bombengeschädigte" den von Recha Storck bewohnten Teil der Villa als Ersatz für ihren zerstörten Wohnsitz in Berlin-Steglitz zugeteilt. Neben der Nutzung der Räume zeigte Walter Conrad auch Interesse an der Übernahme von Einrichtungsgegenständen.

                            Maschinenschriftliches Dokument im Querformat
                            Schreiben der Vermögensverwertungsstelle an das Hauptwirtschaftsamt der Stadt Berlin, 15. Oktober 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 15

                            Lücken in der Dokumentation

                            Ob Walter Conrad Gegenstände aus dem Besitz von Recha Storck übernahm und worum es sich ggf. handelte, geht aus der Akte der Vermögensverwertungsstelle nicht hervor.

                            Die Räumung der Wohnung erfolgte laut Meldung des Hauptwirtschaftsamts am 8. November 1943:

                            Kleines Dokument im Querformat: Vordruck zur Meldung der Räumung, in blauer Farbe handschriftlich ausgefüllt
                            Räumungsmeldung Hauptwirtschaftsamt, 8. November 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 20

                            Lediglich die Verbuchungsstempel der Vermögensverwertungsstelle auf der Rückseite der Formulare „Inventar und Bewertung“ liefern den Hinweis, dass im April 1944 Erlöse für die Gegenstände bei der Finanzkasse eingingen

                            Ausschnitt aus einem Dokument: In einen blauen Stempel sind mit Bleistift der Erlös und das Eingangsdatum der Buchung eingetragen.
                            Stempel über den Zahlungseingang, 26. April 1944. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 32v
                            Ausschnitt aus einem Dokument: In einen blauen Stempel sind mit Bleistift der Erlös und das Eingangsdatum der Buchung eingetragen.
                            Stempel über den Zahlungseingang, 26. April 1944. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 37426, Bl. 31v

                            Für die Vermögensverwertungsstelle als Finanzbehörde war nicht von Interesse, wer die Objekte letztlich erhielt, ausschlaggebend war allein der verbuchte Erlös.

                            Weitere Informationen zum Weg der Gegenstände lassen sich erst aus den Akten der Rückerstattungsverfahren entnehmen. Im Kapitel Verantwortung erfährst du mehr dazu.

                            Story

                            Oskar Skaller

                            Der Berliner Unternehmer und Kunstsammler Oskar Skaller musste bei seiner Flucht aus Deutschland Umzugsgut zurücklassen. Dazu zählte eine Kiste persischer Keramiken, die die NS-Finanzverwaltung raubte. Welche Rolle spielten die Staatlichen Museen zu Berlin in dem Fall? Mehr erfahren
                            Schwarzweißfotografie eines Mannes im Halbprofil nach links

                            Oskar Skaller

                            Geboren:
                            29. Juli 1874 in Ostrowo/Posen (heute Ostrów Wielkopolski, Polen)
                            Gestorben:
                            21. Oktober 1944 in Johannesburg, Südafrika
                            Letzter Wohnort:
                            Württembergische Straße 36, Berlin
                            Schwarzweißfotografie eines Mannes im Halbprofil nach links
                            Porträt von Oskar Skaller, ca. 1931. Robert Volz (Hrsg.): Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. 2, Berlin 1931, S. 1793

                            Ein erfolgreicher Unternehmer

                            Oskar Skaller war Apotheker und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem erfolgreichen Berliner Unternehmer im Sanitätswesen.

                            Seine unternehmerische Laufbahn begann um die Jahrhundertwende mit der Gründung einer Drogerie und Verbandstofffabrik in Berlin, die er 1925 an den Verband der Deutschen Ortskrankenkassen verkaufte. Parallel dazu kaufte er 1917 die M. Pech GmbH mit Sitz in Berlin und Köln, die er in den folgenden Jahren ausbaute. Die Firma stellte verschiedenste Produkte für den Sanitätsbedarf her.

                            Seit 1925 war Skaller zudem Geschäftsführer der Mariendorfer Gummiwaren-Fabrik G.m.b.H sowie Mitglied in zahlreichen weiteren Vorständen.

                            Leben zwischen Berlin und Bad Saarow

                            Zusammen mit seiner Ehefrau Lea Skaller geb. Herbst und den gemeinsamen Töchtern Hanna Judith und Marianne lebte Skaller in Berlin und Bad Saarow.

                            Von 1919 bis 1933 bewohnten die Skallers eine Wohnung in der Schlüterstraße 45 im Berliner Ortsteil Charlottenburg in unmittelbarer Nähe zum Kurfürstendamm.

                            Die Räume in der Schlüterstraße ebenso wie die Wohnung in der Württembergischen Straße 36, in die die Familie 1933 zog, spiegelten den wirtschaftlichen Erfolg Skallers durch eine elegante Einrichtung und zahlreiche Kunstwerke wider.

                            Frontale Farbfotografie eines viergeschossigen weißen Mehrfamilienhauses im neoklassizistischen Stil
                            Das Haus in der Schlüterstraße 45 im Jahr 2016. Landesdenkmalamt Berlin, Foto: Wolfgang Bittner

                            Die Wohnungseinrichtung in Berlin, […], war einem Privatmuseum gleichzustellen, in dem antike Möbel von hohem Wert einen würdigen Hintergrund für Kunst- und Sammelgegenstände von internationalem Wert und Ruf bildeten.

                            Eidesstattliche Versicherung von Dr. Gerald John Zellner, einem Freund der Familie Skaller, 15. August 1957. Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-08, Nr. 2121/55, Bl. 25
                            Das Landhaus Skaller in Bad Saarow zierte als Grafik den Briefkopf von Oskar Skaller. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, IV/NL Bode 5156

                            Neben dem Berliner Wohnsitz besaß Skaller seit 1914 Grundstücke in Bad Saarow, auf denen er nach den Entwürfen des Architekten Rudolf Maté ein Landhaus errichten ließ.

                            Vom Impressionismus zur persischen Keramik

                            Oskar Skaller war ein in der Reichshauptstadt bekannter Sammler von Gemälden deutscher Impressionisten.

                            In seinem Besitz befanden sich unter anderem Arbeiten von Lovis Corinth, Walter Leistikow und Max Liebermann.

                            Farbfotografie eines Ölgemäldes im Querformat, das eine liegende nackte Frau mit blondem Haar darstellt
                            Lovis Corinth, Liegender weiblicher Akt, 1915, Öl auf Holz, 58 x 115 cm.
                            Sammlung Würth, Inv. 20434, Foto: Walter Bayer
                            Schwarzweißfotografie eines Ölgemäldes, das einen sitzenden Mann im Anzug zeigt. Er blickt den Betrachter direkt an. In der linken Hand hält er eine Zigarre.
                            Max Liebermann, Porträt Oskar Skaller, 1924.
                            Matthias Eberle (Hrsg.): Max Liebermann. Werkverzeichnis, Bd. 1, 1995, S. 1107

                            Oskar Skaller führte sein lebhaftes Interesse für die impressionistische Malerei zum Verständnis für die koloristischen Werte orientalischer Fayencen

                            Dr. Ernst Kühnel, Mitarbeiter der Islamischen Abteilung der Staatlichen Museen zu Berlin im Vorwort zum Auktionskatalog. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin 13. Dezember 1927
                            Von oben aufgenommene Schwarzweißfotografie eines weißen, mit Blattranken verzierten Tellers. In der Mitte des Tellers befindet sich ein Stern.
                            Dieser Teller ist wohl im 18. Jahrhundert im westlichen Teil Turkestans entstanden. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 20
                            Schwarzweißfotografie eines Hockers aus Stein, der mit einem abstrakten Relief versehen ist
                            Der ca. 21 cm hohe Hocker stammt aus Mesopotamien, genau Raqqa (heute Syrien). Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 1

                            Neben Gemälden und Grafiken europäischer Künstler*innen sammelte Skaller schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts Kunstobjekte aus islamisch geprägten Kulturregionen West- und Zentralasiens, darunter Tonarbeiten aus dem Westen Turkestans sowie Keramiken aus Persien und dem heute syrischen Raqqa.

                            Schwarzweißfotografie einer dunklen Flasche mit dünnem Hals auf einem Ringfuß. Auf dem runden Bauch der Flasche findet sich kufische Schrift als Dekor.
                            Die Flasche aus dem persischen Kulturraum befand sich in der Sammlung von Oskar Skaller. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, IV/NL Erdmann 99

                            Aufbau der Sammlung

                            Oskar Skaller erwarb diese Objekte unter anderem auf dem Kunstmarkt, wie handschriftliche Anmerkungen in Auktionskatalogen der Zeit belegen.

                            Auf der Versteigerung der Sammlung von Wilhelm Gumprecht bei den Kunsthändlern Paul Cassirer und Hugo Helbing in Berlin 1918 erwarb Skaller beispielsweise insgesamt vier persische Keramiken.

                            Abbildung einer Seite aus einem Versteigerungskatalog, auf der acht Positionen aufgelistet sind. Die gesamte Seite ist mit Bleistiftanmerkungen versehen, die unter anderem Käufer*innennamen und Kaufpreise der Objekte auflisten.
                            Die handschriftliche Anmerkung "Skaller" im Katalog belegt den Erwerb aus der Sammlung Gumprecht. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Die Sammlung Wilhelm Gumprecht, Berlin. Berlin, 21. März 1918 [Auktionskatalog], S. 40
                            Abbildung eines Buchtitelblattes. Zwischen dem Titel oben und Angaben zur Ausstellung unten findet sich in der Mitte in Gelb eine grafische Darstellung einer Person.
                            Titelblatt des Ausstellungskataloges zur Sammlung Draeger. Ernst Kühnel (Hrsg.): Persische Keramik, Berlin 1921, Titelblatt

                            In den 1920er Jahren erweiterte Oskar Skaller seine Sammlung um einen umfangreichen Posten persischer Keramiken.

                            Sie stammten aus dem Besitz von Dr. Richard Draeger, dem 1923 verstorbenen ehemaligen Leiter der deutsch-persischen Höheren Lehranstalt in Teheran.

                            Die von Draeger über zwölf Jahre in Persien zusammengestellte Sammlung war in Berliner Museumskreisen bereits bekannt und geschätzt. 1921 stellte die Islamische Abteilung die Sammlung Draeger mit über 120 persischen Fayencen im Kaiser-Friedrich-Museum aus.

                            Es lässt sich nicht ausschließen, dass sowohl die von Richard Draeger zusammengetragenen Kunstgegenstände als auch die weiteren von Oskar Skaller über den Kunstmarkt erworbenen Objekte bereits eine belastete Herkunft aufwiesen – etwa aufgrund von asymmetrischen Verkaufsverhältnissen zwischen lokalen Akteur*innen und erwerbenden Personen oder Institutionen. Einzelne Stücke könnten zudem aus Raubgrabungen stammen.

                            Beginn der Sammlungsauflösung

                            Die Sammlung der Kunstobjekte aus islamisch geprägten Kulturregionen, zum Großteil persische Keramiken, sollte Oskar Skaller nur ein paar Jahre in ihrer Gesamtheit behalten.

                            Bereits Anfang Oktober 1927 informierte Skaller per Brief den Museumsmitarbeiter Ernst Kühnel über die geplante Versteigerung seiner persischen Keramiken und bat um Hilfe bei der Vorbereitung.

                            Warum Skaller seine Sammlung, die er erst zu Beginn des Jahrzehnts maßgeblich erweitert hatte, nun verkaufen wollte, erwähnte er nicht.

                            Maschinenschriftlicher Brief mit Oskar Skallers Briefkopf
                            Brief von Oskar Skaller an Ernst Kühnel, 8. Oktober 1927. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, I/IM 66
                            • Abbildung des Titelblattes des Auktionskataloges, auf dem die wichtigsten Informationen zu der Versteigerung in schlichter schwarzer Schrift aufgeführt sind
                              Titelblatt des Auktionskatalogs, 13. Dezember 1927. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Titelblatt
                            • : Eine Tafel aus dem Auktionskatalog, auf der vier Schwarzweißfotografien drei Fliesen und eine Schüssel zeigen
                              Auf insgesamt zwanzig Tafeln sind im hinteren Teil des Kataloges zahlreiche Objekte abgebildet. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg.): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 6
                            • Eine Tafel aus dem Auktionskatalog, auf der zwei Schwarzweißfotografien zwei Teller zeigen
                              Zu 55 Objekte finden sich im Katalog Abbildungen. Paul Cassirer, Hugo Helbing (Hrsg): Sammlung Oskar Skaller, Berlin. 13. Dezember 1927 [Auktionskatalog], Tafel 20
                              Auktion im Kunstsalon Paul Cassirer / Hugo Helbing 1927

                              Am 13. Dezember 1927 kam die Sammlung von persischen Keramiken in den Versteigerungsräumen des Kunsthändlers Paul Cassirer in Berlin zur Auktion.

                              Der Auktionskatalog führt insgesamt 177 Kunstgegenstände auf. Die Beschreibung der einzelnen Objekte und das detaillierte Vorwort verfasste der Museumsfachmann Dr. Ernst Kühnel.

                              Einige der Lose fanden von der Versteigerung direkt den Weg in öffentliche Sammlungen in Deutschland und Europa. Zu den Käufer*innen zählten Museen in Lund, Stockholm, Den Haag, München, Bremen und Stettin.

                              Auch die Islamische Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin konnte nach der Auktion vier Objekte aus Skallers Besitz als Neuzugänge in ihre Sammlung vermelden.

                              Vorab hatte Oskar Skaller einen Betrag von 1.500 RM festgesetzt, für den Ernst Kühnel Objekte „gratis ersteigern“ – also bieten durfte, ohne die Summe zu entrichten –, wie die Korrespondenzen belegen.

                              Maschinenschriftlicher Brief mit Oskar Schallers Briefkopf
                              Brief von Oskar Skaller an Ernst Kühnel, 9. Dezember 1927. Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, SMB-ZA, I/IM 66
                              • : Titelblatt des Auktionskataloges, auf dem in goldener Schrift die Hauptinformationen zu der Versteigerung aufgeführt sind
                                „Sammlung S., Berlin“ heißt die Sammlung von Oskar Skaller im Auktionskatalog. Internationales Kunst- und Auktions-Haus (Hrsg): Antiquitäten, Gemälde alter u. neuer Meister. Berlin, 2. Februar 1932 [Auktionskatalog], Titelblatt
                              • Eine Tafel aus dem Auktionskatalog, auf der sieben Schwarzweißfotografien verschiedene persische Keramiken zeigen
                                Keine der Keramiken, die auf dieser Tafel zu sehen sind, fand auf der Auktion eine*n Käufer*in. Internationales Kunst- und Auktions-Haus (Hrsg): Antiquitäten, Gemälde alter u. neuer Meister. Berlin, 2. Februar 1932 [Auktionskatalog], Tafel 19
                                Auktion im Internationalen Kunst- und Auktions-Haus 1932

                                Die im Oktober 1927 nicht verkauften Kunstgegenstände lieferte Skaller mit weiterem Kunstbesitz im Februar 1932 bei dem Internationalen Kunst- und Auktions-Haus in Berlin ein.

                                Von den eingelieferten Keramiken fanden erneut nicht alle Objekte neue Besitzer*innen und gingen an Skaller zurück.

                                Verfolgt und beraubt

                                Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialist*innen 1933 änderte sich das Leben der Familie Skaller schlagartig: Als Jüdinnen*Juden waren der erfolgreiche Geschäftsmann und seine Familie der antisemitischen Verfolgungspolitik des NS-Regimes ausgesetzt.

                                Berufliche Verdrängung

                                Die antisemitische Verfolgung führte dazu, dass Oskar Skaller bereits 1933 aus seiner Position als Aufsichtsratsvorsitzender bei der M. Pech A.G. und 1938 als Geschäftsführer der Mariendorfer Gummiwarenfabrik entlassen wurde.

                                Eskalation

                                Während der Novemberpogrome stürmten Antisemit*innen das Landhaus in Bad Saarow und zerstörten die gesamte Einrichtung. Die Sorge der Familie Skaller vor einer Inhaftierung Oskar Skallers wuchs.

                                Flucht

                                Die Eheleute Skaller fassten den Entschluss, Deutschland zu verlassen. Über England flohen Lea und Oskar Skaller im September 1939 nach Johannesburg in Südafrika. Ihre Wohnungseinrichtung lagerten sie bei der Speditionsfirma W. Heimann ein.

                                Beschlagnahme

                                Im April 1941 meldete die Geheime Staatspolizei Berlin die Beschlagnahme des Umzugsgutes bei der Spedition und plante die Ausbürgerung von Oskar und Lea Skaller. Die Gestapo berief sich hierbei auf das Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit.

                                Vermögensverfall

                                Der offizielle Bescheid darüber, dass das Vermögen der Eheleute Skaller aufgrund der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz an das Deutsche Reich "verfiel", wurde erst am 20. Juli 1944 ausgestellt. Sämtlichen Besitz hatte die Finanzverwaltung aber bereits "verwertet", bevor die formalen Bedingungen dafür gegeben waren.

                                Die Versteigerung des Umzugsgutes

                                Schon mit der Meldung über die Beschlagnahme des Umzugsguts vom April 1941 begann das zunächst noch zuständige Finanzamt Moabit-West, den zurückgelassenen Besitz Stück für Stück zu veräußern.

                                Das gesamte bei der Spedition W. Heimann eingelagerte Umzugsgut, darunter auch die zurückgelassene Gemäldesammlung Skallers, ließ die Behörde auf zwei Auktionen von Bernhard Schlüter in Berlin versteigern.

                                Am 16. August 1941 fand die erste Versteigerung in der Panoramastraße 1, unweit des Alexanderplatzes, statt. In der Versteigerungsniederschrift finden sich nur wenige Angaben zu den über hundert angebotenen Objekten.

                                Zu den Käufer*innen zählten diverse Kunst-, Antiquitäten- und Möbelhändler*innen in Berlin, aber auch Privatpersonen.

                                • Vordruck „Verhandelt“, maschinenschriftlich ausgefüllt mit Informationen zur Versteigerung
                                  Deckblatt der Versteigerungsniederschrift von Bernhard Schlüter, 16. August 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 19
                                • Auszug aus Vordruck Versteigerungsniederschrift mit maschinenschriftlichen Eintragungen zu den einzelnen Positionen sowie Namen der Meistbietenden
                                  Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Bernhard Schlüter, 16. August 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 25v
                                  Auszug aus der Versteigerungsniederschrift: Vordruck mit maschinenschriftlichen Eintragungen zu dem Gemälde „Weiblicher Akt“
                                  Auszug aus der Versteigerungsniederschrift von Bernhard Schlüter, 30. Juni 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 49v

                                  Auf der zweiten Versteigerung am 30. Juni 1942 bot Schlüter gesondert das Gemälde „Weiblicher Akt“ von Lovis Corinth an.

                                  Der Kunsthändler Paul Roemer sowie der Jurist und Kunstsammler Dr. Conrad Doebbeke hatten zuvor persönlich ihr Interesse an dem Gemälde bei der Vermögensverwertungsstelle bekundet. Offenbar wussten sie, dass dort nun über die Sammlungen der Skallers verfügt wurde.

                                  Auf der Versteigerung erhielt Doebbeke exklusiv den Zuschlag – zum Preis von 8.000 RM. Im Vergleich zu den anderen Objekten ist das Gemälde von Corinth in der Versteigerungsniederschrift detailliert beschrieben.

                                  Farbfotografie eines Ölgemäldes im Querformat, das eine liegende nackte Frau mit blondem Haar darstellt
                                  Lovis Corinth, Liegender weiblicher Akt, 1915, Öl auf Holz, 58 x 115 cm, Sammlung Würth, Inv. 20434, Foto: Walter Bayer

                                  Eine Kiste Kunstgegenstände

                                  Einen anderen Weg als das Umzugsgut nahmen einige Kunstgegenstände, die der Architekt und Kunstmaler Wilhelm Wagner verwahrte. Die Kiste Umzugsgut enthielt persische Keramiken.

                                  Wagner war von 1920 bis 1937 mit einer der Töchter der Skallers verheiratet und stand auch danach noch in Kontakt mit der Familie. Er kannte die Kunstsammlung des Unternehmers.

                                  Die bei Wagner verwahrte Kiste sollte nach England verschickt werden, um die Kunstgegenstände beim Auktionshaus Sotheby’s zu versteigern, darunter vermutlich Objekte, die auf den Auktionen 1927 und 1932 keine Abnehmer*innen gefunden hatten.

                                  Die Geheime Staatspolizei beschlagnahmte 1941 die bei Wagner lagernden Objekte und setzte das Finanzamt Moabit-West darüber in Kenntnis.

                                  Maschinenschriftlicher Brief mit dem Briefkopf der Geheimen Staatspolizei
                                  Schreiben der Geheimen Staatspolizei an das Finanzamt Moabit-West, 2. Dezember 1941. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 10
                                  Maschinenschriftliches Dokument im Querformat: Liste von Objekten
                                  Empfangsquittung von Eulert, 23. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 63

                                  Im Juli quittierte der Behördenmitarbeiter Eulert den Eingang von insgesamt 25 Kunstgegenständen in die Vermögensverwertungsstelle und listete die Objekte knapp auf.

                                  Der weitere Verbleib der 25 Kunstgegenstände lässt sich nur vage anhand einzelner Spuren in Oskar Skallers Akte bei der Vermögensverwertungsstelle rekonstruieren.

                                  Gutachten der Staatlichen Museen zu Berlin

                                  In der Akte sind zwei Gutachten von Mitarbeitern der Staatlichen Museen zu Berlin überliefert: Arthur Graf Strachwitz, Mitarbeiter bei der Ostasiatischen Kunstabteilung, und Kurt Erdmann, Mitarbeiter der Islamischen Kunstabteilung, begutachteten fünfzehn der 25 Kunstgegenstände. Die Gutachten enthalten mehr Informationen zu den Objekten, werfen aber auch zusätzliche Fragen auf.

                                  Arthur Graf Strachwitz taxierte am 24. Februar 1943 sieben Objekte, darunter Teeschalen, Vasen und Gefäße, auf zusammen 90 RM.

                                  Schreiben mit dem Briefkopf des Museums für Völkerkunde: handschriftliche Liste von Objekten
                                  Gutachten Arthur Graf Strachwitz, 24. Februar 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 61

                                  Erst auf den zweiten Blick lässt sich ein handschriftliches Dokument als Gutachten des Museumsmitarbeiters Kurt Erdmann identifizieren. Von den dreizehn dort aufgeführten Kunstgegenständen hat er bei lediglich acht Objekten einen Wert benannt.

                                  Trotz der oberflächlichen Beschreibung der Gegenstände wird deutlich, dass sich darunter auch persische Keramiken befanden:

                                  Papierdokument mit handschriftlichen Notizen

                                  Gutachten Kurt Erdmann, o.D. (wohl Frühjahr 1943). BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 62

                                  Fasst man beide Gutachten zusammen, schätzten die Museumsmitarbeiter Arthur Strachwitz und Kurt Erdmann insgesamt fünfzehn Objekte aus Skallers Besitz auf einen Wert von 160 RM.

                                  Rückseite eines Dokuments mit einer handschriftlichen Notiz
                                  Rückseite der Quittung mit handschriftlicher Anmerkung, 23. Juli 1942. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 56v

                                  Verkauft an Wilhelm Wagner

                                  Die zwei Gutachten der Museumsmitarbeiter stehen im Zusammenhang mit dem Verkauf von „14 antiken Keramiken“ am 10. März 1943 an Wilhelm Wagner.

                                  Eine handschriftliche Notiz auf der Rückseite der Einlieferungsquittung der Kunstgegenstände zeigt: Wilhelm Wagner hatte sein Interesse für die Objekte wohl direkt bei ihrer Ablieferung an die Behörde bekundet.

                                  Der ehemalige Verwahrer der Kunstgegenstände, der einstige Schwiegersohn und bleibende Freund der Familie Skaller, kaufte im März 1943 vierzehn der insgesamt 25 Kunstgegenstände für 150 RM direkt von der Vermögensverwertungsstelle. Ob er dabei in Skallers Auftrag handelte, bleibt ungewiss.

                                  Hatten die zwei Gutachten der Museumsmitarbeiter insgesamt fünfzehn Kunstgegenstände zum Wert von 160 RM aufgelistet, erwarb Wilhelm Wagner nur „14 Stücke antike Keramik“ zu einem Preis von 150 RM.

                                  Der Verbleib eines begutachteten Objekts im Wert von 10 RM bleibt also offen.

                                  • Vordruck „Verhandlung“, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt
                                    Vorderseite der „Verkaufsverhandlung“ als Beleg des Verkaufs an Wilhelm Wagner, 10. März 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 60
                                  • Vordruck „Verhandlung“, Rückseite, handschriftlich mit schwarzer Tinte ausgefüllt
                                    Rückseite der „Verkaufsverhandlung“ an Wilhelm Wagner, 10. März 1943. BLHA, Rep. 36A (II) Nr. 36160, Bl. 60v
                                    : Ausschnitt aus einer Tafel des Auktionskatalogs: Schwarzweißfotografie eines Gefäßes mit vertikalen Streifen und Punkten im Wechsel. Knapp unter der Öffnung ist ein Gesicht dargestellt.
                                    Abbildung „Kleines Gefäss“ aus dem Auktionskatalog von 1932.
                                    Internationales Kunst- und Auktions-Haus (Hrsg): Antiquitäten, Gemälde alter u. neuer Meister. Berlin, 2. Februar 1932 [Auktionskatalog], Tafel 19

                                    Eine Keramik „für Museum“?

                                    Könnte es sein, dass die Islamische Abteilung der Staatlichen Museen Berlin die auf 10 RM geschätzte „1 Puppe, Persien 13.–14. Jahrhundert“ für sich ankaufte? Das lässt die Anmerkung „für Museum“ vermuten.

                                    Im Rahmen des Rückerstattungsverfahrens identifizierte eine Tochter der Skallers die „Puppe“: Sie sei identisch mit dem Objekt, das 1932 im Auktionskatalog des Internationalen Kunst- und Auktions-Hauses unter Nr. 192 als „Kleines Gefäss, plastisch modelliert in Form einer sitzenden Person“ aufgeführt wurde.

                                    Zu dem persischen Gefäß finden sich im Katalog folgende Informationen: „türkisgrün glasiert mit blauen Streifen, schwarzen Punkten und schwarzer Gesichtszeichnung. Persien (Suitanabad), 14. Jahrh. Höhe 10 cm, Breite 8,2 cm.“

                                    Jenseits der Äußerung von Skallers Tochter fehlen bislang eindeutige Belege dafür, dass die „Puppe“ aus dem Gutachten von Kurt Erdmann in der Akte der Vermögensverwertungsstelle tatsächlich mit dem „Kleinen Gefäss“ in dem Auktionskatalog identisch ist.

                                    Genauso vage bleibt die These, dass die Staatlichen Museen zu Berlin die „Puppe“ erworben haben.

                                    Was spricht dafür?

                                    Die Notiz „für Museum“ auf dem Gutachten, das Kurt Erdmann als Mitarbeiter der Islamischen Abteilung der Staatlichen Museen unterschrieb, lässt Interesse durch das Museum vermuten.

                                    Ohne die „Puppe“ entsprechen die Zahl und der Gesamtwert der Objekte in den Gutachten der Verkaufsvereinbarung mit Wilhelm Wagner: vierzehn Stück für 150 RM. Demnach ist es gut möglich, dass die „Puppe“ anschließend für 10 RM an die Staatlichen Museen verkauft wurde.

                                    Die Staatlichen Museen waren bereits im Besitz persischer Keramiken von Oskar Skaller, einige Mitarbeiter kannten die museal bedeutsame Sammlung.

                                    Was spricht dagegen?

                                    Weder in der Vermögensverwertungsstellenakte noch in den Erwerbungsunterlagen der Staatlichen Museen zu Berlin finden sich weitere Hinweise, die einen Ankauf oder eine Schenkung an die Islamische Abteilung belegen.

                                    Das Objekt selbst lässt sich in den Beständen des Museums für Islamische Kunst nicht nachweisen. Die spärlichen Angaben zu der „Puppe“ erschweren die Suche.

                                    Bislang konnte keine der Annahmen zum Verbleib der „Puppe“ belegt werden – zu groß sind die Lücken in der Dokumentation.

                                    19 von 25 Kunstgegenständen

                                    Unabhängig davon, ob nun ein Objekt an die Staatlichen Museen gelangte oder nicht: In der Akte der Vermögensverwertungsstelle ist nur der Verkauf von neunzehn der insgesamt 25 bei Wilhelm Wagner eingelagerten Kunstgegenstände lückenlos dokumentiert.

                                    „14 Stücke antike Keramik“ erwarb Wilhelm Wagner von der Vermögensverwertungsstelle.

                                    Fünf Gegenstände aus Lapislazuli verkaufte die Finanzbehörde an den Juwelier Gutschner.

                                    Was mit den übrigen sechs Objekten passierte, geht nicht aus der Akte hervor. Auch daran lässt sich etwas über das Selbstverständnis der Vermögensverwertungsstelle ablesen: Ihre Arbeit und somit auch die Dokumentation war mit dem Eingang des Verkaufserlöses abgeschlossen.

                                    Was mit Besitz Skallers nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes passierte, erfährst du im Kapitel Verantwortung.