Glossar

Dieses Glossar dient als Orientierungshilfe und ergänzt die historischen Darstellungen.

A

Alliierte

Bündnis zur militärischen Bekämpfung des nationalsozialistischen Deutschlands und seiner Verbündeten. Die drei Hauptmächte der Anti-Hitler-Koalition waren Großbritannien, die USA und die Sowjetunion, doch es gehörten auch andere wichtige Länder wie die Republik China dazu.

Alterstransport

Als „Alterstransporte“ bezeichnete die Gestapo Berlin alle Deportationstransporte in das -> Ghetto Theresienstadt, unabhängig vom Alter der Deportierten.

Arisierung

Das Wort „Arisierung“ bezeichnet die systematische Enteignung von Jüdinnen*Juden, oft auch ihrer Firmen oder Geschäfte, und die Übernahme der Geldwerte und Gegenstände durch nichtjüdische Deutsche oder durch den Staat. Die nationalsozialistische Wortfindung beruht auf der rassistischen NS-Ideologie, die die nichtjüdischen Deutschen als „Arier“ bezeichnete.

Asoziale

Im NS-Sprachgebrauch wurden mit dem Begriff „Asoziale” soziale Randgruppen und Minderheiten umschrieben, die gezielt aus der Gesellschaft ausgeschlossen und verfolgt wurden, darunter u. a. Obdachlose, Bettler*innen, Landstreicher*innen, kinderreiche Familien aus ärmeren sozialen Schichten, Alkoholiker*innen, Prostituierte, Zuhälter und Wanderarbeiter*innen. Die betroffenen Menschen wurden lange nicht als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt und teilweise auch nach 1945 von den deutschen Behörden verfolgt.

Auktionskatalog

Verzeichnis mit detaillierten Informationen zu Objekten bzw. Konvoluten (Lose), die bei einer Auktion angeboten werden. Üblicherweise erscheinen Auktionskataloge als gebundene Hefte oder Bücher und werden vom Auktionshaus herausgegeben. Historische Auktionskataloge sind eine wichtige Quelle für die -> Provenienzforschung.

Auschwitz

Auschwitz ist der Name des größten und bekanntesten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers. Vernichtungslager waren spezielle Konzentrationslager, die zur massenhaften Ermordung von Menschen eingerichtet wurden. In Auschwitz wurde 1941 ein eigener Lagerbereich mit dem einzigen Ziel errichtet, möglichst viele Menschen in kurzer Zeit zu töten. Zwischen 1941 und 1945 ermordeten die SS und ihre Helfer*innen über eine Million Jüdinnen*Juden, Sinti*zze und Rom*nja sowie sowjetische Kriegsgefangene. Der Name Auschwitz wird heute auch als Synonym für die geplante und fabrikmäßige Ermordung von Verfolgten durch die Deutschen verwendet, die auch als Holocaust oder Schoah bezeichnet wird.

Ausgleichsstelle

Innerhalb der Reichs-Rechtsanwaltskammer geschaffene Stelle zur Regelung wirtschaftlicher und berufsrechtlicher Fragen unter Rechtsanwält*innen, insbesondere zur Umverteilung von Mandaten und Einkünften im Zuge der Ausschaltung jüdischer Anwält*innen während der NS-Zeit.

B

Bergungsort

Sicherer Ort, an dem wertvolle Kulturgüter bei Naturkatastrophen, Krisen und bewaffneten Konflikten eingelagert werden, um sie vor Zerstörung zu schützen. Als Bergungsorte fungieren etwa Bunker, Bergwerkstollen, manchmal auch Schlösser. Auch die Nationalsozialist*innen brachten während des von ihnen initiierten Zweiten Weltkrieges Objekte an Bergungsorte. Unter anderem lagerten sie geraubte Kunstwerke in großem Stil in Bergwerkstollen. Ein bekanntes Beispiel ist das Salzbergwerk Altaussee.

Berufsverbrecher

Als „Berufsverbrecher“ wurden in der Zeit des Nationalsozialismus Personen bezeichnet, die mehrfach straffällig wurden. Sie galten als „Volksschädlinge“ und wurden von den NS-Behörden verfolgt, in Konzentrationslagern inhaftiert und ermordet.

Besatzungszone

Nach der Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1945 wurde dessen Staatsgebiet (in den Vorkriegsgrenzen) unter den vier Siegermächten aufgeteilt und es entstanden eine amerikanische, eine britische, eine französische und eine sowjetische Besatzungszone, auch Sektoren genannt. Die britische Besatzungszone umfasste die ehemaligen preußischen Provinzen Hannover, Schleswig-Holstein und Westfalen sowie die Länder Braunschweig, Hamburg, Lippe, Oldenburg und Schaumburg-Lippe. Kontrolliert wurde diese Region von einer britischen Militärregierung. Mit der Gründung der zwei deutschen Staaten im Jahr 1949 ging die Regierung von den Besatzungsmächten auf die Regierung der Bundesrepublik Deutschland bzw. die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) in der DDR über, womit die sowjetische Besatzungszone endete. In der Bundesrepublik beendete der Deutschlandvertrag von 1955 auch offiziell die Besatzung.

Beschlagnahme

Durch die Beschlagnahme von Vermögen wurde den Besitzer*innen vorerst die Verfügungsgewalt über ihre Bankkonten, Einrichtungsgegenstände, Wertpapiere etc. entzogen und diese unter staatliche Verwaltung gestellt. Meist war die Beschlagnahme zeitlich auf ein Jahr befristet. Die Eigentumsverhältnisse blieben dadurch vorerst unangetastet. Erst mit der Verfügung über -> Einziehung oder Verfall des Vermögens gingen die Besitzverhältnisse an das Deutsche Reich über.

Bewegliches Vermögen

Bewegliches Vermögen heißen im Rechtswesen alle zum Vermögen gehörenden beweglichen Objekte. Auch die Reichsfinanzverwaltung nutzte den Begriff und zählte darunter neben Wohnungseinrichtungen auch beispielsweise Produktionsmaschinen, Automobile, Wertgegenstände, Schmuck und Kunstwerke.

Bombengeschädigte

Als Bomben- oder Fliegergeschädigte wurden im nationalsozialistischen Sprachgebrauch Menschen bezeichnet, deren Wohnungen, Häuser oder Eigentum durch alliierte Luftangriffe zerstört oder beschädigt worden waren. Sie hatten einen bevorzugten Zugriff auf geraubte Wohnungseinrichtungen.

Bundesentschädigungsgesetz (BEG)

Das Gesetz trat am 1. Oktober 1953 in Kraft. Es ermöglichte Opfern nationalsozialistischer Verfolgung bzw. ihren Angehörigen und Nachkommen, eine Kompensation für Schäden an Leben, Gesundheit, Körper, Freiheit, beruflichem Fortkommen und Vermögen geltend zu machen. Nicht alle Verfolgtengruppen profitierten vom BEG. Sinti*zze und Rom*nja, Homosexuelle, Menschen, die die Nationalsozialist*innen als -> „Asoziale“ bezeichneten, Zwangssterilisierte und wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilte Personen waren von dem Gesetz ausgeschlossen. Anspruchsberechtigte mussten zudem meist lange auf eine „Entschädigung“ warten.

C

Central Collecting Point (CCP)

Von den US-amerikanischen Streitkräften nach 1945 eingerichtete Sammelstellen in den westlichen -> Besatzungszonen, in denen Kunstwerke aus entdeckten Depots mit Raubkunst registriert, dokumentiert und konserviert wurden. Der wichtigste CCP befand sich in München.

Commission for Looted Art in Europe (CLAE)

1999 gegründete internationale Organisation, die sich für die Rückgabe von während der NS-Zeit geraubten Kulturgütern einsetzt und Betroffene bei der Recherche und Durchsetzung von Restitutionsansprüchen unterstützt. Die CLAE hat das Mandat, den European Council of Jewish Communities (Europäischen Rat Jüdischer Gemeinden) und die Europäische Rabbinerkonferenz zu vertreten.

D

Deportation

Zwangsweise Verschleppung von Menschen durch staatliche Behörden aus ihrem Wohn- oder Herkunftsort auf ein anderes Staatsgebiet oder in entlegene Regionen, wo sie festgehalten werden. Für die Zeit des Nationalsozialismus bezeichnet Deportation insbesondere die Verschleppung von Verfolgten in Konzentrations- und Vernichtungslager (-> Auschwitz).

Deportationswelle

Die Geheime Staatspolizei Berlin fasste eine größere Serie von Deportationstransporten, die sie in einem bestimmten Zeitraum organisierte und durchführte, zu „Deportationswellen“ zusammen. Eine „Deportationswelle“ umfasste meist mehrere einzelne Deportationstransporte.

Dresdner Katalog

Internes Verzeichnis des -> „Sonderauftrags Linz“, in dem Kunstwerke für das geplante „Führermuseum“ mit Fotos und Objektdaten dokumentiert wurden. Der Katalog heißt nach dem Ort, wo er angelegt wurde – nämlich vom Direktor der Dresdner Gemäldegalerie –, und diente der systematischen Erfassung und Verwaltung dieser Objekte.

E

Eidesstattliche Versicherung

Rechtsverbindliche Erklärung über einen Sachverhalt. Eine Falschaussage bei einer eidesstattlichen Versicherung kann rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg

NS‑Organisation unter Alfred Rosenberg, die ab 1940 in den besetzten Gebieten systematisch jüdische Bücher, Archivgut, Kunstwerke und andere Kulturgüter erfasste und raubte.

Entartete Kunst

„Entartete Kunst“ war die propagandistische Bezeichnung des NS-Regimes für Kunst, die es politisch und ästhetisch ablehnte. Darunter befanden sich vor allem Kunstwerke der klassischen Moderne, die ab 1937 aus Museen entfernt wurden.

F

Freihandverkauf

Im Kontext der -> „Verwertung“ von geraubtem Vermögen während des Nationalsozialismus: Verkauf gepfändeter oder eingezogener Gegenstände außerhalb einer öffentlichen Versteigerung direkt an Käufer*innen, wobei der Kaufpreis gesondert verhandelt wurde (-> Vordruck „Verhandlung“). Der Freihandverkauf konnte einen höheren Erlös ermöglichen, als es bei der Versteigerung der Fall gewesen wäre.

G

Geheime Staatspolizei (Gestapo)

Politische Polizei in der Zeit des Nationalsozialismus, die politische Gegner*innen überwachte und verfolgte. Die Gestapo war ein zentrales Verfolgungsinstrument im NS-Staat und maßgeblich für die Durchführung und Organisation der Schoah verantwortlich. Zusätzlich zog die Gestapo Vermögen von politisch Verfolgten für die Länder ein. Die Gestapo war Teil des -> Reichssicherheitshauptamtes (RSHA).

Ghetto Theresienstadt

Das sogenannte Altersghetto Theresienstadt wurde in der alten Garnisonsstadt im heutigen Terezin (Tschechien) als größtes Konzentrationslager (KZ) im Protektorat Böhmen und Mähren errichtet. Die Nationalsozialist*innen nutzten das KZ als Durchgangs- und Sammellager für überwiegend ältere Personen, die anschließend weiter in die Vernichtungslager (-> Auschwitz) deportiert wurden. Es galt in NS-Kreisen als „Vorzeigeghetto“. Viele der dorthin Verschleppten überlebten die unmenschlichen Bedingungen in Theresienstadt nicht.

H

Hauptplanungsamt der Stadt Berlin

Kommunale Behörde, die in der NS-Zeit für die städtebauliche Gesamtplanung Berlins zuständig war. Im Zuge der Umsetzung griff die Behörde massiv auf die durch -> Deportationen geräumten Wohnungen verfolgter Jüdinnen*Juden zu, um sie an die Berliner Bevölkerung weiterzuvermieten.

Hauptwirtschaftsamt der Stadt Berlin

Während der NS-Zeit zentrale Verwaltungsbehörde der Stadt, die für die wirtschaftliche Steuerung und die Versorgung der Bevölkerung zuständig war. Das Hauptwirtschaftsamt organisierte die Verteilung von Lebensmitteln, Gütern und Wohnraum. Dabei griff es ab Ende 1942 privilegiert auf enteigneten Besitz von deportierten Berliner Jüdinnen*Juden zu.

Hyperinflation 1923

Die Hyperinflation von 1923 war eine extreme Geldentwertung in der Weimarer Republik, ausgelöst durch Kriegsfolgen und -schulden, Reparationslasten und die Ruhrbesetzung. Folgen waren unter anderem eine explosionsartige Steigerung der Lebenserhaltungskosten und eine fast vollständige Entwertung von Sparguthaben und Staatsanleihen.

J

Jewish Restitution Successor Organization (JRSO)

1948 in New York von mehreren jüdischen Organisationen aus den USA und weiteren Ländern gegründet. Ihre Aufgabe bestand darin, in der amerikanischen Besatzungszone sowie im amerikanischen Sektor in Berlin die Rückerstattung erbenlosen Vermögens von Privatpersonen zu verfolgen, die als jüdisch verfolgt und ermordet wurden. Darüber hinaus übernahm sie auch restituiertes Vermögen von jüdischen Einrichtungen und Organisationen, die von den Nationalsozialist*innen enteignet und aufgelöst worden waren.

Judaika

Sammelbegriff für seltene jüdische kunsthandwerkliche Gegenstände, rituelle und sakrale Objekte sowie Literatur, die sich mit jüdischer Religion oder Kultur auseinandersetzt.

Judenvermögensabgabe

Nach den Novemberpogromen eingeführte Zwangsabgabe für Jüdinnen*Juden. Sie wurden verpflichtet, die Schäden des gegen sie gerichteten Pogroms zu begleichen, und mussten bis zu zwanzig Prozent ihres Vermögens an die Staatskasse abliefern. Insgesamt wurde so den Jüdinnen*Juden in Deutschland eine Milliarde Reichsmark abgepresst.

Jüdische „Pension“

Pensionen, deren Besitzer*innen im Nationalsozialismus als Jüdinnen*Juden verfolgt wurden. Solche Wohnungen und Häuser wurden in Berlin ab 1939 vermehrt dazu genutzt, Jüdinnen*Juden, die aufgrund der antisemitischen Verfolgung ihre Wohnung verloren, zwangsweise einzuquartieren.

Jüdisches Kulturgut

„Jüdisches Kulturgut“ war ein von den Nationalsozialist*innen definierter Begriff für Kulturgüter wie Kunstwerke oder Bücher, die von Menschen hergestellt und benutzt wurden, die als Jüdinnen*Juden verfolgt wurden. Der Begriff umfasste auch -> Judaika.

K

Konsulent

Im September 1938 entzog der nationalsozialistische Staat den verbliebenen als Jüdinnen*Juden verfolgten Rechtsanwält*innen die generelle Zulassung. Vorausgegangen war seit 1933 ein schrittweiser Ausschluss von Jüdinnen*Juden aus dem Rechtsanwaltsberuf. Statt „Rechtsanwalt“ mussten sie von nun an „Konsulent“ (lat. für Berater) als Berufsbezeichnung verwenden. Sie durften nur noch jüdische Mandant*innen vertreten.

L

Linz-Nummer

Inventarnummer, die Kunst- und Kulturgüter erhielten, die für das von Adolf Hitler geplante „Führermuseum“ in Linz vorgesehen waren. Die Nummer diente der Erfassung, Verwaltung und Nachverfolgung der im Rahmen des -> „Sonderauftrags Linz“ beschlagnahmten, angekauften oder enteigneten Objekte.

Lost Art-Datenbank

Die Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste (DZK) ist eine zentrale deutsche Online-Datenbank u. a. für Kulturgüter, die während der NS-Zeit verlagert, beschlagnahmt oder geraubt wurden und bis heute als vermisst gelten. Dort können sowohl Such- als auch Fundmeldungen veröffentlicht werden.

M

Maly Trostinec

Maly Trostinec war ein nationalsozialistisches Zwangsarbeits- und Vernichtungslager nahe Minsk (heute Belarus).
Zwischen 1942 und 1944 ermordeten SS und -> Schutzpolizei dort 40.000 bis 60.000 Menschen. Unter den Opfern befanden sich vor allem deportierte Jüdinnen*Juden, sowjetische Kriegsgefangene sowie Personen, denen man Aktivitäten als Partisan*innen unterstellte. Die Menschen wurden in nahegelegenen Wäldern erschossen oder in Gaswagen getötet.

Minderwertige Kunst

Objekte der bildenden Kunst, die während der Zeit des Nationalsozialismus nicht als hochwertig angesehen wurden. Dazu zählten Werke von wenig bekannten Künstler*innen, die nicht zu hohen Preisen auf dem Kunstmarkt gehandelt wurden, oder Werke von Künstler*innen, die nicht dem Kunstideal der Nationalsozialist*innen entsprachen.

München-Nummer

Registriernummer, die Kunstwerke erhielten, die nach dem Zweiten Weltkrieg im -> Central Collecting Point (CCP) in München erfasst wurden. Die Nummer diente der systematischen Dokumentation, Lagerung und späteren Zuordnung für die Rückgabe.

N

Novemberpogrome

Von den Nationalsozialist*innen organisierte und gelenkte Gewalttaten gegen jüdische Menschen und Einrichtungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Geschäfte, Wohnräume und Synagogen wurden zerstört, Jüdinnen*Juden ermordet und über 10.000 Jüdinnen*Juden verhaftet.

NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut

Kulturgüter, die ihren Eigentümer*innen durch Maßnahmen des NS-Regimes entzogen wurden. Heute bemüht sich die -> Provenienzforschung, diese Objekte zu finden, damit sie ihren Eigentümer*innen bzw. deren Nachfahr*innen zurückgegeben werden können.

Nürnberger Gesetze

Als Nürnberger Gesetze werden das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre sowie das Reichsbürgergesetz zusammengefasst, die 1935 auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg verabschiedet wurden. In ihnen wurde definiert, wer als Jude im Sinne der nationalsozialistischen Gesetzgebung galt. Sie bildeten die Grundlage für die systematische Verfolgung und Ausgrenzung von Jüdinnen*Juden bis 1945.

O

Oberfinanzpräsident (OFP)

Bis 1937 „Landesfinanzämter“. OFP waren die höchsten regional zuständigen Behörden der Reichsfinanzverwaltung. Sie waren nur dem Reichsfinanzministerium unterstellt und überwachten, koordinierten und organisierten die Arbeit der Finanzämter, Zoll- und Devisenstellen. Ab Ende 1941 waren sie damit beauftragt, den Vermögensraub an den deportierten Jüdinnen*Juden zu planen und durchzuführen.

Orientmaler

Verfertiger*in von „Orientmalerei“. Diese zeigt Motive des Alltags von Personen, Architektur und Landschaften aus dem Nahen oder Fernen Osten. Der Begriff und die damit bezeichneten Werke sind problematisch, da sie eine eurozentristische und homogenisierende Sicht auf eine multikulturelle Vielfalt werfen und das kolonialisierte Ausland exotisieren.

Osttransport

Mit Begriff „Osttransport“ bezeichnete die Geheime Staatspolizeileitstelle Berlin Deportationstransporte in die Ghettos und Vernichtungslager (-> Auschwitz) im besetzten Osteuropa. Insgesamt lassen sich für Berlin 63 „Osttransporte“ nachweisen.

P

Provenienz

Im Kontext der Kunstwissenschaft: Herkunft von Kunst- und Kulturgütern.

Provenienzforschung

Die Provenienzforschung (von lat. provenire: hervorkommen) untersucht die Herkunft von Objekten, deren Besitzwechsel und Wege. Häufig geht es bei der Initiierung einer solchen Forschung darum, die ursprünglichen Eigentümer*innen von geraubtem Kulturgut zu ermitteln.

Provenienzmerkmale

Physische Hinweise (Stempel, Exlibris, Aufkleber, Signaturen etc.) auf einem Objekt, die seine Erwerbungs- und Entstehungsgeschichte nachvollziehbar machen.

R

Raubgrabung

Unsachgemäß oder illegal durchgeführte archäologische Grabung, bei der Fundobjekte ohne Genehmigung und ohne wissenschaftliche Dokumentation aus dem Boden oder von einem sonstigen Fundort entfernt werden. Raubgrabungen sind nicht nur ein Verstoß gegen Eigentums- und sonstige rechtliche Verhältnisse, sondern sie führen auch zum Verlust wertvoller Informationen, die durch die Zerstörung des Fundkontextes entstehen.

Reichsanzeiger

Amtliches Presseorgan des Deutschen Reiches, das zwischen November 1918 und April 1945 erschien. In ihm wurden Gesetze und öffentliche Bekanntmachungen abgedruckt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden dort unter anderem auch Ausbürgerungen und Vermögenseinziehungen publiziert.

Reichsfeind

„Reichsfeind“ war die nationalsozialistische Bezeichnung für Personen, deren Religion, Herkunft oder politische Überzeugung den Vorgaben des Regimes nicht entsprachen. Die Menschen wurden ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt. Als „Reichs-“ oder auch „Staatsfeinde“ galten neben Jüdinnen*Juden auch Sozialdemokrat*innen, Kommunist*innen, Kriminelle, Freimaurer, Sinti*zze und Rom*nja sowie Widerstandskämpfer*innen.

Reichsfluchtsteuer

Wurde 1931 im Zuge der Brüningschen Devisengesetzgebung eingeführt und sollte die Kapitalflucht ins Ausland verhindern. Bei entsprechendem Vermögen zum Zeitpunkt der Auswanderung mussten Emigrant*innen 25 Prozent ihres Geldwerten Eigentums an den Deutschen Staat abführen.

Reichsrechtsanwaltskammer

Zentralorganisation der deutschen Rechtsanwaltschaft im nationalsozialistischen Staat, 1933 gegründet. Sie diente der Gleichschaltung des Anwaltsberufs und dem Ausschluss von jüdischen sowie politisch unerwünschten Rechtsanwält*innen.

Reichssicherheitshauptamt

Zentrale polizeiliche Behörde im nationalsozialistischen Deutschland, gegründet im September 1939. Das RSHA vereinte die staatliche Sicherheitspolizei und den Sicherheitsdienst der SS. Dem RSHA unterstanden neben der Gestapo auch die Kriminalpolizei und die polizeilichen Einsatzgruppen hinter der Front. Das RSHA war die maßgebliche Stelle bei der Koordinierung, Planung und Durchführung der Schoah sowie Massakern an der Zivilbevölkerung und politischen Gegner*innen in den von Deutschland besetzten Gebieten.

Reichstauschstelle

Die Hauptaufgabe der 1926 eingerichteten Reichstauschstelle im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung war es, Bibliotheken mit Büchern auszustatten. Während des Zweiten Weltkriegs baute die Reichstauschstelle kriegsbedingt zerstörte Bibliotheken wieder auf. Sie war im großen Stil am Raub von Büchern und deren Weitergabe an öffentliche Bibliotheken beteiligt.

Reichsvereinigung der Juden in Deutschland

Zwangsvereinigung aller jüdischen Verbände und Gemeinden, gegründet im Juni 1939. Alle Menschen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Jüdinnen*Juden verfolgt wurden, mussten ihr beitreten. Die Reichsvereinigung der Juden stand unter direkter Kontrolle des -> Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und wurde von diesem zur administrativen und sozialen Kontrolle sowie Mitwirkung bei Entrechtung, Zwangsmaßnahmen und späteren -> Deportationen instrumentalisiert. Daneben übernahm sie Unterstützungs- und Wohlfahrtsaufgaben für die Verfolgten.

Restitution

Rückgabe von entzogenem Eigentum an die rechtmäßigen Besitzer*innen oder deren Erb*innen. „Naturalrestitution“ soll durch Rückgabe der geraubten Objekte – also nicht nur durch das Erstatten ihres Wertes – den Zustand vor dem Entzug wiederherstellen.

S

Sammellager

Im Kontext des nationalsozialistischen Regimes: Orte, an denen Jüdinnen*Juden vor der -> Deportation zusammengepfercht wurden. Angestellte der jüdischen Gemeinden mussten dort die Formalitäten für den Deportationstransport im Auftrag der Gestapo abwickeln. Dazu gehörten die Registrierung der zu Deportierenden, die Kontrolle ihres Gepäcks und die Entgegennahme der -> Vermögenserklärungen. Gerichtsvollzieher stellten dort auch die Einziehungsverfügungen (-> Einziehung) für das zurückgelassene Vermögen zu. Eines der größten Sammellager befand sich bis 1943 in der Großen Hamburger Straße 26 in Berlin.

Schutzpolizei (SchuPo)

Teil der uniformierten Polizei im nationalsozialistischen Deutschland. Die SchuPo war dem Hauptamt Ordnungspolizei (OrPo) angegliedert, das wiederum dem Reichsinnenministerium unterstellt war. Die Schutzpolizei beteiligte sich auch an der Verfolgung von Jüdinnen*Juden, Sinti*zze und Rom*nja und politischen Gegner*innen sowie Kriegsverbrechern in den besetzten Gebieten.

Signatur

Im Kontext von Kunst und Kunstwissenschaft: Unterschrift bzw. Kürzel des*der Künstler*in auf einem Kunstwerk. Die Signatur spielt eine wichtige Rolle bei der Identifikation und Zuordnung von Werken.
In einer anderen Bedeutung wird der Begriff im Archiv- und Bibliothekswesen verwendet. Dort bezeichnet er das Kürzel – meist eine Kombination aus Buchstaben und Ziffern –, unter dem ein Objekt in das System der Einrichtung eingeordnet wird.

Sinti*zze und Rom*nja

Sinti*zze und Rom*nja wurden im Nationalsozialismus als „Zigeuner“ rassistisch verfolgt. Sie wurden aus Berufsorganisationen und Schulen ausgeschlossen, in vielen Orten Deutschlands auch in kommunalen Zwangslagern inhaftiert. Die meisten in Deutschland lebenden Sinti*zze und Rom*nja wurden im März 1943 in mehreren Transporten nach -> Auschwitz deportiert und dort ermordet. Auch nach 1945 waren die überlebenden Sinti*zze und Rom*nja antiziganistischer Verfolgung, Ausgrenzung und polizeilicher Überwachung ausgesetzt. Teilweise stützte man sich hierbei auf die von den NS-Behörden entwickelten Strukturen. Die Betroffenen wurden lange nicht als im Nationalsozialismus verfolgte Gruppe anerkannt, Kompensationen wurden den Opfern und deren Nachkommen verwehrt. Die Eigenbezeichnungen Rom – Roma (männlich, Einzahl – Mehrzahl) und Romni – Romnja (weiblich) sowie Sinto – Sinti (männlich) und Sinta/Sintizza – Sintizze (weiblich) hat sich erst allmählich im deutschen Sprachgebrauch etabliert.

Sonderauftrag Linz

Der „Sonderauftrag Linz“ war Adolf Hitlers Projekt zur Sammlung von Kunst für ein geplantes „Führermuseum“ in Linz. Ab Juni 1938 sicherte sich Hitler mit dem sogenannten Führervorbehalt das alleinige Entscheidungsrecht über staatlich beschlagnahmte Kunstwerke in Österreich, die für den Aufbau der Sammlung vorgesehen waren. In den folgenden Jahren wurden Objekte auch über Österreich hinaus systematisch beschlagnahmt bzw. angekauft. Viele der Werke stammten aus jüdischem Besitz oder aus besetzten Gebieten. An der Beschaffung waren zahlreiche Kunsthändler*innen beteiligt.

T

Treuhandverwaltung von Kulturgut beim Auswärtigen Amt

Bundesdeutsche Verwaltungsstelle, die von 1952 bis 1962 bestand und die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den -> Central Collecting Points übernommenen Kunst‑ und Kulturgüter sicherte, inventarisierte und versuchte weitere Restitutionsschritte durchzuführen. Nach Beendigung ihrer Tätigkeit ging ihr Restbestand an den Bund über.

U

Unbedenklichkeitsbescheinigung

Von Finanzämtern ausgestellte Bescheinigung über die Zahlung von Steuerrückständen und Zwangsabgaben für Jüdinnen*Juden. Sie musste vorgelegt werden, um einen Pass und die Genehmigung zur Ausreise aus Deutschland zu erhalten.

V

Verfall/Einziehung

„Verfall“ und „Einziehung“ bezeichnete im Kontext der Reichsfinanzverwaltung die Einbehaltung von beschlagnahmten Gegenständen zugunsten des Staates. Mit der formalen Einziehung/Verfall von Vermögen ging dieses in den Besitz des Staates über bzw. „verfiel“ diesem. Beide Begriffe verschleiern den räuberischen Charakter der Enteignung von Verfolgten. Verfallserklärungen und Einziehungsverfügungen waren ein reiner Verwaltungsakt.

Verkaufsverhandlung

Für den direkten Verkauf von geraubten Gegenständen existierte der Vordruck „Verhandlung“. Darauf wurden dann handschriftlich u. a. der*die Käufer*in, die verkauften Objekte sowie der Kaufpreis vermerkt.

Vermögenserklärung

Vor ihrer -> Deportation mussten Jüdinnen*Juden Angaben zu ihrem im Inland befindlichen Vermögen machen. Dafür entwickelte die Finanzbehörde ein mehrseitiges Formular, das vorab ausgefüllt werden musste. Es diente der Vermögensverwertungsstelle als erste Übersicht über das zu -> „verwertende“ Vermögen.

Vernichtungslager Treblinka

Treblinka II war eines der größten Vernichtungslager (-> Auschwitz) der Nationalsozialist*innen, errichtet ab Mai 1942. Dort ermordeten sie mindestens 700.000 Menschen in den Gaskammern oder durch Folter.

Verwertung

„Verwertung“ bezeichnet alle Maßnahmen, die von der Reichsfinanzverwaltung ergriffen wurden, um geraubtes Vermögen der Staatskasse zuzuführen und hierfür ggf. materielle Güter in Geld zu verwandeln. Das umfasste den Verkauf von Wohnungseinrichtungen, Umzugsgütern, Immobilien, Grundstücken oder Firmen sowie die Einbehaltung von Hypotheken und Wertpapieren zugunsten des Deutschen Reiches.

W

Waffen-SS

Militärischer Verband der SS (Schutzstaffel), aufgebaut ab 1939 und im Verlauf des Zweiten Weltkriegs stark erweitert. Angehörige der Waffen-SS waren in zahlreichen Fällen an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit beteiligt.

Washingtoner Prinzipien

Die Washingtoner Prinzipien von 1998 sind internationale Leitlinien für die Aufarbeitung von NS-Raubkunst und die faire -> Restitution an die rechtmäßigen Eigentümer*innen. Sie sind zwar nicht rechtlich bindend, haben aber weltweit Maßstäbe im Umgang mit NS-Raubgut gesetzt. Auch Deutschland hat die Prinzipien unterzeichnet.

Werkidentität

Die Werkidentität ist die eindeutige Zuschreibung eines Kunstobjektes, die aufgrund einzigartiger Merkmale vorgenommen werden kann. Darunter fallen vor allem der*die Künstler*in, eine Datierung, Maßangaben sowie ein Titel/eine Bildbeschreibung. Im Falle verschiedener Versionen eines Kunstwerks können weiterführende Angaben den Unikatscharakter beschreiben.

Z

Zentralbibliothek des Reichsicherheitshauptamtes

Zentrale Dienst‑ und Arbeitsbibliothek des -> Reichssicherheitshauptamts, ab 1939/40 durch systematische Beschlagnahmung vor allem jüdischer, freimaurerischer und kirchlicher Bibliotheken aufgebaut; diente dem SD als Arbeitsinstrument der sogenannten Gegnerforschung

Zwangsname

Ab dem 1. Januar 1939 mussten Jüdinnen*Juden den zusätzlichen Vornamen Sara bzw. Israel führen. Den Zwangsnamen mussten sie in allen offiziellen Dokumenten und Urkunden sowie offiziellen Korrespondenzen verwenden. Damit wurden sie vor Behörden oder Korrespondenzpartner*innen als Jüdinnen*Juden kenntlich gemacht.

Zwangswohnung

Wohnung, in der Jüdinnen*Juden ab 1939 zwangsweise untergebracht waren. Grundsätzlich waren die Besitzer*innen bzw. Hauptmieter*innen ebenfalls Jüdinnen*Juden, denen Untermieter*innen zugewiesen wurden. Letztere verloren ihre Wohnung entweder durch das Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden, den Verlust der Wohnung durch Entzug der wirtschaftlichen Grundlagen oder die Umsiedlungspolitik des Generalbauinspektors für Berlin im Zuge des geplanten Neubaus von „Germania“. Die Wohnverhältnisse waren oft beengt. Die meisten Bewohner*innen lebten in den Zwangswohnungen nur sehr kurz bis zu ihrer Flucht oder Deportation.