Gerechte und faire Lösungen …
… mit den Eigentümer*innen oder mit ihren Erb*innen zu finden, ist ein Grundsatz der Washingtoner PrinzipienDie Washingtoner Prinzipien von 1998 sind internationale Leitlinien für die Aufarbeitung von NS-Raubkunst. von 1998. Sie gelten bis heute als Richtlinie im Umgang mit NS-Raubgut für jene Staaten, die sie unterzeichnet haben. Dazu zählt auch Deutschland.
Unter diese „gerechten und fairen Lösungen“ fällt auch die Rückgabe von geraubten Objekten an die rechtmäßigen Eigentümer*innen, die sogenannte RestitutionRückgabe von entzogenem Eigentum an die rechtmäßigen Besitzer*innen oder deren Erb*innen.. Dieses Ziel unterstützt die ProvenienzforschungDie Provenienzforschung (von lat. provenire: hervorkommen) untersucht die Herkunft von Objekten, deren Besitzwechsel und Wege. im OFP-Projekt mit ihrer Recherche in den Akten der Vermögensverwertungsstelle. Sie macht dabei zugleich NS-Unrecht sichtbar.
Lässt sich aus den Akten ermitteln, dass geraubte Gegenstände wie Gemälde oder Bücher durch eine öffentliche Einrichtung erworben wurden, informieren die Provenienzforscherinnen diese darüber. Danach liegt es in der Verantwortung der Museen und anderen Kultureinrichtungen, die Erb*innen der verfolgten Personen zu ermitteln und eine Rückgabe zu prüfen.
Mit ihrer Recherche in den Akten der Vermögensverwertungsstelle liefern die Forscherinnen den sammlungsbewahrenden Institutionen also eine Grundlage dafür, dass sie gemeinsam mit den Erb*innen „gerechte und faire Lösungen“ finden können. Wie dies in einzelnen Fällen aussehen kann, zeigen zwei Verfahren, die vom OFP-Projekt angestoßen wurden:
It’s [the stillife by Kunz is] a living entity that survived the destruction of my family and I will hang it on my walls with considerable pride to serve in their memory.
Antony Easton, Filmemacher und Künstler, Nachfahre von Paul Jakob Eisner, 9. April 2024

Nachdem die Commission for Looted Art in Europe1999 gegründete internationale Organisation, die sich für die Rückgabe von während der NS-Zeit geraubten Kulturgütern einsetzt. die Erb*innenermittlung unterstützt hatte, restituierte das Israel Museum in Jerusalem 2024 das ‚Große Stillleben‘ von Ludwig Adam Kunz an die Nachfahren.
Die Berlinische Galerie hat mit den Nachfahr*innen von Fritz Kurt Lomnitz eine „gerechte und faire Lösung“ gefunden.
Das Werk verbleibt in Berlin.

Offene Enden und Leerstellen
Manchmal führt die Suche nach Kulturgut, dessen Raub in den Akten der Vermögensverwertungsstelle dokumentiert ist, bis in ein Museum oder eine andere öffentliche Einrichtung.
Sehr oft aber verliert sich die Spur der Objekte nach ihrer letzten Erwähnung in den Schätzlisten und Versteigerungsprotokollen. Der Großteil des Kulturgutes, das Verfolgten geraubt wurde, gelangte in Privatbesitz oder den Kunsthandel und ist bis heute verschollen.
Erschwert wird die Situation auch dadurch, dass die Washingtoner PrinzipienDie Washingtoner Prinzipien von 1998 sind internationale Leitlinien für die Aufarbeitung von NS-Raubkunst. nicht für Privatpersonen, nichtöffentliche Sammlungen und den Kunsthandel gelten.
„Gerechte und faire Lösungen“ zu finden, hängt in diesen Fällen an der Initiative und dem Willen einzelner Personen oder Organisationen.
Generell macht es die oft sehr ungenaue Beschreibung der Werke in den Akten häufig unmöglich, Kunstwerke zu identifizieren, um sie aufzuspüren – und sie zurückzugeben.
Was bleibt, sind offene Enden.
Ein bekanntes Problem in der ProvenienzforschungDie Provenienzforschung (von lat. provenire: hervorkommen) untersucht die Herkunft von Objekten, deren Besitzwechsel und Wege. – wie auch die in der Ausstellung vorgestellten Fälle zeigen.
Was passierte mit dem „Posten Bücher“ und dem „Blüthner-Flügel“ aus dem Besitz von Recha Storck, die der Obergerichtsvollzieher Hoffmann als Inventar ihrer Wohnung notiert und die Walter Conrad, der mit seiner Familie in Storcks Wohnung gezogen war, nicht gekauft hatte?
Befindet sich das Gemälde von H. E. Pohle heute noch im Besitz der Familie des SS-Obersturmführers Johannes Schertl, der es aus dem beschlagnahmtenDurch die Beschlagnahme von Vermögen wurde den Besitzer*innen vorerst die Verfügungsgewalt über dieses entzogen und unter staatliche Verwaltung gestellt. Eigentum von Hugo Loewy erworben hatte?
Jenseits der Lücken in Objektbiografien weist die ProvenienzforschungDie Provenienzforschung (von lat. provenire: hervorkommen) untersucht die Herkunft von Objekten, deren Besitzwechsel und Wege. an den Akten der Vermögensverwertungsstelle auch andere Leerstellen auf. Wertvolle Kunst- und Kulturgüter, die die Gutachter*innen ausführlicher dokumentierten oder sogar als Museumsobjekt einstuften, stammten in der Regel aus gutsituierten Haushalten. Trotz antisemitischer Steuer- und Wirtschaftspolitik war es den Besitzer*innen gelungen, diese Dinge bis dahin zu bewahren.
Somit setzt sich diese Forschungsdisziplin vor allem mit Verfolgtenbiografien der wohlhabenderen Bevölkerungsschichten auseinander. Der Blick auf diejenigen, die zum Zeitpunkt des Vermögensentzuges kaum (noch) etwas besaßen, fehlt. Doch auch dort gab es ein letztes Buch, einen Tisch oder ein Hemd, die „verwertet“„Verwertung“ bezeichnet alle Maßnahmen, die von der Reichsfinanzverwaltung ergriffen wurden, um geraubtes Vermögen der Staatskasse zuzuführen. wurden. Ihren Weg zu rekonstruieren, grenzt aber aufgrund der raren Informationen ans Unmögliche.
Gerade diese Leerstellen geben Anlass zur kritischen Reflexion über Erinnerung, Besitz und die kollektive Verantwortung, die Nachfahr*innen von Täter*innen und Profiteur*innen des NS-Unrechts tragen.
Woher kommt das?
Mit eigener Provenienzforschung selbstständig ein Stück Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen
Was wir besitzen, hat oft eine Vergangenheit. Mal kennen wir sie, manchmal ist sie verborgen. Dieses Erkundungsmodul lädt dich dazu ein, die ersten Schritte zur Erforschung der Geschichte deines letzten Flohmarktfunds oder Familienerbstücks zu gehen.
Die Erkundung beginnt mit einer einfachen Frage: Woher kommt das?